Keine Gemeinschaft ohne Vergebung.

Ich habe mich vor wenigen Tagen mit einer Bekannten gestritten. Am Ende des Schreits, in dem ich womöglich meine eigenen Grenzen überschritten habe, und mich darin nicht mehr selbst erkannte sagte sie mir: Lies dir mal bitte deinen Text durch, den du vor einigen Tagen geschrieben hast. Sie meinte den Text über Kommunikation und Selbstdisziplin, in der ich eine Lehre aus der Schlacht von Uhud und der Niederlage zog für die Art und Weise, wie man mit Menschen umzugehen hat, die einem weh tun.

Und ja, ich habe darüber reflektiert und sie hat Recht, es ist die selbe Situation. Ich habe an dem Tag 49 Geschwister verloren an einen Krieg gegen den Islam und wurde zudem noch von einer Glaubensschwester, mit der ich Seite an Seite käpfe verletzt – sehr verletzt. Und ich habe es nicht geschafft Selbstdisziplin zu üben. Wie die letzten Male – ich habe ausgeteilt.

Und nun verstehe ich die Geschichte besser. Ich kann hineinfühlen, wie schwierig das für den Propheten gewesen sein muss, sich im Zaum zu halten. Nicht zu verletzen, nicht um sich zu schlagen. Es ist sehr schwer. Doch, wenn er sagt, er ist gekommen, um den besten Charakter zu vervollständigen, heißt es, dass das ein Teil des besten Charakters sein muss – Haliim zu sein. Nachsichtig, obwohl man jedes Recht und die Möglichkeit hat zu bestrafen.

Und heute ist mir, als ich an den Streit dachte eine Sure im Koran eingefallen. Sure Saff, 61. Die Reihen. Ich musste die ersten 4 Verse in einem Kurs auswendig lernen. Und seither rezitiere ich diese 4 Ayat bei jedem Gebet.

„Allah preist (alles), was in den Himmeln und was auf der Erde ist. Und Er ist der Allmächtige und Allweise.O die ihr glaubt, warum sagt ihr, was ihr nicht tut?Welch schwerwiegende Abscheu erregt es bei Allah, daß ihr sagt, was ihr nicht tut.Gewiß, Allah liebt diejenigen, die auf Seinem Weg kämpfen in Reihe, als wären sie ein zusammengefügter Bau.“ (61.1-4)

Ja, ich habe nicht getan, was ich gesagt und geschrieben habe. Ich bin meiner Enttäuschung und Trauer unterlegen. Doch am Abend stand ich neben ihr, mit 350 anderen Geschwistern, wie in Ayat 4 um unseren Verlust zu betrauern. Die nächste Stufe des Halims ist es zu verzeihen – ich muss verzeihen, um die beste Tugend zu erlangen!

Und als ich den Tafsir von M. Asad aufschlug überraschte es mich nicht, dass genau diese Zeilen bezogen sind, auf die Personen in der Schlacht Uhud, die ihren Posten verlassen und dadurch Schaden davon getragen haben. Sie haben sich nicht an ihr Wort gehalten. Die Verbindung die ich im Herzen zwischen den 2 Ayat gemacht habe, die hat Allah schon bestimmt.

Wieso? Weil Verletzung und Trauer, Verlust und Vergebung, Gemeinschaft und Vergebung immer Hand in Hand gehen.  Doch wie definiert Allah Vergebung? Allah ist Haliim! Der der mit der Bestrafung nicht eilt, und verzeiht, obwohl er die Möglichkeit und das Recht dazu hätte. Allah definiert Vergebung genau so. Nicht aber darin, dass man sich weiter der Erinnerung der Verletzung hingeben muss. Als nach der Schlacht von Uhud der Mörder seines Onkels zu ihm kam und dem Islam beitreten wollte, hieß er ihn willkommen, bat ihn aber, ihm fern zu bleiben, weil die Verletzung zu groß ist.

Vergebung bedeutet also, Selbstdisziplin, obwohl man Recht und Möglichkeit hat, nicht aber, die anderen Wange hinhalten. Sondern abschließen, wenn es besser so ist.

Gemeinschaft setzt aber Vergebung voraus. Sonst kann man nicht in einer Reihe stehen und kämpfen und trauern.

Möge Allah uns seinen Namen Haliim in unsere Herzen pflanzen, auf das wir uns durch Vergebung von der Wut erlösen können und möge Allah uns nebeneinander stehen lassen, in einer Reihe. Und uns zu der besten Form unseres Selbst machen, und an unser Wort halten lassen, und milde sein lassen mit den Menschen die uns verletzen.

In Gedenken an die Geschwister die in einer Reihe standen und in dieser Reihe ihr Leben ließen!

Schwester, der Eingang für die Frauen ist durch den Keller.

Ich war vor kurzem mit Freunden in New York. Wir haben uns schon zu Beginn vorgenommen, an dem Freitag das Freitagsgebet, das MuslimInnen am Freitag beten in einer Moschee in New York zu verbringen. Ich habe auf dem Weg zur Moschee zu den Freunden und meinem Partner gesagt: „wetten wir, wenn wir dort ankommen, werden wir Frauen wieder in einem anderen Raum geschickt und wenn wir Glück haben  können wir die Predigt durch einen TV verfolgen.“ Alle drei antworteten mir, dass sie denken, dass das auf keinen Fall vorkommen wird, da die amerikanische Community viel weiter sei als wir.

Aber genau das passierte – wir kamen an, ein Mann, der absolut lieb und herzlich war, wies uns daraufhin, dass wir bitte durch dein kleinen Laden um die Ecke in den Frauenbereich sollen. Das taten wir. Wir hatten keinen Glück – es war ein Mini-Bildschirm.

Die Gemeinschaft war toll – die Menschen herzlich. Absolute Diversität, Herzlichkeit, aber dennoch: da fliegt man ans andere Ende der Welt, uns sieht sich mit den selben Grundproblemen konfontiert wie in Österreich, in Deutschland und in der Türkei?

Für mich spiegelt die Moschee immer die gesellschaftliche Situation wider. Und dort, wo die Frauen in der Moschee verortet werden, werden sie auch im gesellschaftlichen Rahmen verortet, dort wo die Männer verortet werden in der Moschee, werden sie in der Gesellschaft verortet und dort wo die Kinder in der Moschee verortet werden, dort werden sie in der Gesellschaf tund in den gesellschaftlichen Vorstellungen und Normen verortet.

Die Frau hat in der Moschee nicht einmal 1/3 des Raumes, das die Männer haben. Sie haben nicht die selben Ressourcen, die den Männern geboten werden, um das machen zu können, wo sie ihre Interessen verorten. Männer haben meistens eine Kinderfreie-Zone, denn die Kinder sind bei den Müttern. Die Männer haben ihre Ruhe, sie können sich auf ihre Pflichten und ihre Ruhe konzentrieren. Dabei haben sie genug Ressourcen und genug Raum. Der Prediger geht auf ihre Fragen ein, nimmt sie an – sie können aktiv partizipieren.

Lasst uns das auf die Gesellschaft umstülpen:

Frauen, bekommen keinen Raum um sich zu entfalten. Zusätzlich dazu, dass sie keinen Raum haben, haben sie begrenzte bis keine Ressourcen um sich in dem verwirklichen zu können, was sie möchten. Sie sind entweder motiviert genug um zu improvisieren und sich die Ressourcen selbst zu beschaffen, oder sie gehen im Nichts unter. Außerdem haben Frauen nie ihre Ruhe – das Kind wird nach dem klassischen Rollenbild der Frau zugeschoben. Als wäre der Raum nicht schon eng genug, muss sie Frau in dem begrenzten Raum mit begrenzten Ressourcen nicht nur auf sich schauen, sondern hat auch die absolute Verantwortung für ein Lebewesen, das auf sie angewiesen ist.

Sie hat keine Möglichkeit ihre Pflicht in Ruhe zu erfüllen, geschweige denn davon Ruhe für sich selbst zu genießen, sich selbst zu verwirklichen und unabhängig ihrer Rolle als Mutter/Ehefrau/Tochter/Schwester zu existieren. Außerdem hat die Frau keine Möglichkeit aktiv zu partizipieren – sie hat gar keinen Zugang zu den Menschen und Möglichkeiten, die ihr dabei helfen können, die ihr helfen können. Sie kann nur still auf ein kleinen Bildschirm starren und hoffen, dass das Mikro heute funktioniert.

Malcolm X sagte einst etwa, dass man, wenn man sehen möchte in welcher Lage eine Gesellschaft ist schauen muss, in welcher Lage die Frauen dieser Gesellschaft sind.

Und ich komme nicht umhin, mir Gedanken und Sorgen darüber zu machen, in welcher Lage die Frauen in der muslimischen Gesellschaft ist, wenn es in Mini-Österreich genauso schlimm ist wie in einer Moschee in New York City!

Wir müssen beginnen, unsere Lehren in unsere Räume zu tragen, damit sie in den Verstand und dann in das Herz der Menschen fließen – um eine Gesellschaft der Gerechtigkeit zu schaffen!

Wir haben mit der Geschichte Marias das größte Beispiel hierfür. Ihre Geschichte zeigt uns, dass Gott schon lange lange vor uns ein Kampf gegen das Patriarchat geführt hat und das nicht gut heißt, was Männer zum Teil in seinem Namen treiben. Er drängte darauf, dass eine Frau einen Platz im Tempel, in der Moschee und damit in der Gesellschaft bekommt – das war Marias Kampf! Der Kampf gegen das Patriarchat und die Annahme der Männer, dass Frauen dort, also auch in der Gesellschaft keinen Platz haben.

Und Gottes Kampf sollte auch immer unser Kampf sein!

Kommunikation und Selbstdisziplin.

Egal welches Problem ich mit wem auch immer bespreche, als Lösungsvorschlag kommt immer das große Wort: Kommunikation. Tatsächlich habe ich mich lange, viele Jahre damit auseinander gesetzt. Wie kommuniziert man „richtig“? Wie kann ich etwas so formulieren, dass das was ich sagen will bei meinem Gegenüber ankommt ohne dass mein Gegenüber verletzt wird. „Ich-Botschaften“, „aktives Zuhören“ etc. etc. All diese Sachen habe ich nur zu oft gehört. – und versucht sie zu verinnerlichen.

In einem Gespräch ist es kein aktives Überlegen und danach Handeln mehr – das richtige Kommunizieren ist mir auf eine Bewusstseinsebene gelangt, so dass es einfach die Art und Weise ist, wie ich kommuniziere. Und genau deswegen achte ich sehr darauf, wie andere es tun.

Wenn man ein aktiver Mensch ist, hat man immer wieder mit allen möglichen Menschen zu tun. Sehr verschiedene, mit verschiedenen und unterschiedlichen Charakterzügen, doch ein gewisses Maß an Respekt und Wertschätzung ist für mich immer die Mindestvoraussetzung dafür, dass ich mit jemanden kommunizieren und arbeiten kann, bzw. möchte. Leider aber kommt es nicht allzu selten vor, dass Menschen, die auf großen Bühnen stehen und sich als „AktivistInnen“ bezeichnen, keinen Anstand und keinerlei Feingefühl haben, was das Soziale und das damit verbundene „Miteinander sprechen“ anbelangt. In letzter Zeit ist es mir nur all zu oft passiert, dass ich mit offenem Mund am Telefon oder in einem Meeting war, und nicht realisieren konnte, wie Menschen, die von sich behaupten für eine bessere Welt sorgen zu wollen, so miteinander umgehen können.

Ich erinnere mich da an eine Geschichte, die ich oft gehört habe. Ein großer König möchte mit seinem Heer in die Schlacht ziehen. Und der große König wir unterrichtet und ist der Liebling eines Meisters, der weltweit bekannt ist und der allwissende unter den Wissenden ist. Als der König sich mit seinem Heer absprach ob sie die Schlacht lieber in Ort A oder Ort B abhalten sollen, stimmte er selbst für Ort A. Die Mehrheit des Heers war jedoch für B. Und da dieser König demokratisch in diesen Dingen vorging akzeptierte er die Entscheidung seiner Leute. Später kamen diese und sagten, sie seien auch bereit in Ort A zu kämpfen doch er antwortete „wenn ein König seine Rüstung für eine Schlacht angelegt hat, legt er sie nicht mehr ab“.

Sie verloren die Schlacht, wegen vielen Fehlern die das Heer gemacht hat, unter anderem aber auch, weil sie den Nutzen aus Ort A, für den der König war nicht ziehen konnten. Der König verlor in dieser Schlacht 70 seiner liebsten Leute, darunter seinen liebsten Onkel, und auch er selbst wurde schwer verletzt.

Nach der Schlacht, kurz bevor er zu seinem Heer sprechen sollte kam sein Meister zu ihm. Der Meister, der ihn lehrte die beste Version von sich selbst zu sein, ihn unterrichtete in Liebe und in Barmherzigkeit – und trug ihm auf, auch so mit seinem Heer umzugehen. So also sprach der König zu seinem Heer und den Menschen, die all diese Fehler in der Schlacht machten keine bösen oder verletzenden Worte, er war milde mit ihnen.

Denn der Meister, er sagte: Und in Anbetracht der Barmherzigkeit Gottes warst du mild zu ihnen; wärst du aber rauh und harten Herzens gewesen, so wären sie dir davongelaufen. Darum vergib ihnen und bitte für sie um Verzeihung und ziehe sie in der Sache zu Rate; und wenn du entschlossen bist, dann vertrau auf Gott; denn wahrlich, Gott liebt diejenigen, die auf Ihn vertrauen.           [3:159]

Stellt euch vor: jemand ist verantwortlich dafür, dass ihr 70 eurer Liebsten und dazu noch euren Onkel verliert, und ihr schafft er solch eine Selbstdisziplin und einen edlen Charakter an den Tag zu legen, diese Menschen nicht zur Sau zu machen. Ich für meinen Teil würde sie glaube ich von einer Wand an die andere klatschen. Ein Mensch, der sich in solch einer Situation beherrschen kann, Herr über sich selbst sein kann, und mit seinen Worten gezügelt umgehen kann, was für ein Mensch ist das?

Ich denke immer an diese Geschichte, wenn mir danach ist einen Menschen eben von Wand zu Wand zu klatschen, aber auch, wenn Menschen mich von Wand zu Wand klatschen und sich selbst als „Weltverbesserer“ und „Statthalter auf Erden“ sehen.

Wahre Tugend bedeutet, sich in Zeiten in denen es unmöglich scheint zusammenreißen zu können und niemanden zu verletzen.

Ich ziehe für mich 3 Lehren aus dieser Geschichte:

Eine demokratisch getroffene Entscheidung muss respektiert werden. Dazu gehört auch, die eventuellen Konsequenzen zu tragen.

  • Der Mensch ist zu so viel mehr Selbstdisziplin in der Lage, als er denkt.
  • Und zu Letzt: das milde Wort wiegt mehr als das raue Wort und wird dazu führen, dass man Menschen, die bereit sind mit einem zu kämpfen, nicht verliert.

Wieso Frauen keine Engel sind, man sie aber dennoch nicht schlagen darf!

Vor einiger Zeit bin ich in meinem Wohngebäude Zeugin davon geworden, wie ein Paar im Haus einen Streit hatte. Ich hatte meine Fenster geschlossen, dennoch war der Streit so laut, dass man alles mitbekommen hat. Es sind die Fetzen geflogen. Man hat die Frau laut weinen hören, den Mann schreien. Ständig ist etwas zu Bruch gegangen. Plötzlich schrie die Frau, dass sie das Haus verlassen werde. Er schrie zurück, dass sie das nicht wagen soll, und sicher nicht gehen wird. Man hörte Türen auf-­‐ und zuknallen. Plötzlich, die Frau vor Schmerzen schreien und den Mann nur „du wirst nicht gehen“ schreien. Irgendwann winselte die Frau nur.

Ich wollte die Polizei rufen, doch wusste ich nicht in welcher der zig-­‐Wohnungen das stattfindet. Also habe ich einige FreundInnen schnell gefragt was ich tun soll. Plötzlich schrie der Mann: „ich gehe!“ Man hörte die Tür knallen, die Frau winseln, und dann Stille. Kurze Zeit später kam er zurück und sie begannen sich auszusprechen. Fragt mich nicht, wieso sie das bei offenem Fenster/aus dem Balkon(?) machen. Ich konnte, bei gekipptem Fenster alles mithören.

Zusammenfassung der Sache: der Mann hat ihr versprochen etwas zu tun und hat es nicht getan. Etwas sehr Essentielles. Die Frau ist traurig darüber, dass der Mann emotional etwas „unreif“ ist. Sie fühlt sich weder geliebt noch ernst genommen. Man hört den Mann nur leise „ja, es tut mir leid” sagen. Sie spricht mit ihm, sagt ihm, was ihr an der Beziehung nicht gefällt. Weint. Er ist still, obwohl sie ihn mehrmals bittet etwas zu sagen.

Meine FreundInnen schreiben mir im gleichen Moment, dass ich die Polizei rufen soll. Ich schreibe, er sei weg und wieder da und sie sprechen. Sie sei traurig darüber,…

Die erste Antwort die ich (von einem männlichen Kollegen) bekomme: „ja klar, und die Frau ist ein Engel.“ Ein anderer schreibt, dass er wohl gleich „gelyncht“ wird.

Wenn ich also nun antworten würde, würde ich ihn lächerlicherweise lynchen? Das erinnert mich etwas an rassistische Menschen, die etwas rassistisches sagen und direkt danach sagen: „oh, und gleich werden wir fertig gemacht, und sind Rassisten.“

Für mich ist das immer ein deutliches Zeichen davon, dass die Menschen die Wichtigkeit solcher Thematiken nicht wahrhaben wollen oder können, meist, weil sie eben nicht betroffen davon sind, wie auch meine Kollegen hier nicht von Gewalt in der Beziehung betroffen sind. Und nein, Frauen sind bei Gott keine Engel. Sie sind genauso fehlerfrei wie es Männer sind, und genauso fehlerhaft wie Männer es sind.

Dass eine Frau aber kein Engel ist legitimiert keine Gewalt an ihr! Das ist dieselbe Argumentation wie Rassisten es bringen und den Grund für Rassismus den Opfern von Rassismus zuschreiben, statt den Rassisten selbst.

Ein fehlerhaftes Verhalten legitimiert nicht ein noch fehlerhafteres Verhalten. Vor allem, wenn das Machtverhältnis so unausgewogen ist.

Und noch weniger, wenn es sich um Gewalt handelt.

Vor kurzem noch bin ich mit einer Freundin auf der Straße dazwischen gegangen, als ein Mann seine Freundin auf offener Straße geschlagen hat. Sagen wir, dass die Frau davor unerträglich war. Um mit einem unreflektierten männlichen Blickwinkel auf die Sache zu blicken, folgendes Szenario: die Frau war keine Sekunde still, hat ihm den Kopf mit Reden und Weinen und Schreien „gef*ckt“ und der Mann ist daraufhin ausgerastet und hat sie mehrmals geschlagen. Sagen wir, dass was bei meinen Nachbarn genauso. Ist die Gewalt dann legitim? Kann der Mann dann nicht besser als die Frau sein, in dem Moment? Oder trifft ihn am Ende eh keine Schuld, denn sie ist ja eh auch kein Engel.

Gewalt an Frauen ist genauso Realität wie Rassismus und andere Themen, gegen die wir uns täglich auflehnen und unser etwas aufreißen, damit es besser wird. Es ist enttäuschend, wenn Menschen, die gebildet sind, scheinbar reflektiert, nicht über ihre eigenen Privilegien reflektieren können, die eben in diesem Fall das Geschlecht ist.

Nachtrag: seit kurzer Zeit gibt es in Deutschland nun das Hilfetelefon für Frauen die von Gewalt betroffen sind. Hilfetelefon! Wenn ihr hier drauf klickt, landet ihr auf der Seite. Wenn ihr davon betroffen seid, holt euch Hilfe – habt keine Angst! 

Das Seelenstreicheln der weißen Mächtigen.

Kennt ihr das? Wenn ihr von KommilitonInnen, ProfessorInnen, KollegInnen und Weitere anders beäugt werdet, eine andere Mimik, andere Gestik herrscht, wenn sie mit euch umgehen und kommunizieren, als wenn sie mit der weißen „Rebecca“ die, die Selbe Stellung hat wie einer selbst, umgehen und kommunizieren? Wenn ihr ihre „weiße Arroganz“ aus 100 km Entfernung riechen kannst? Kennt ihr das, wenn sie über euch sprechen, wenn ihr selbst im selben Raum sitzt und euch dabei nicht beim Namen nennen wenn sie über euch sprechen, sondern mit den Augen oder Händen in eure Richtung gestikulieren – und das einfach nur abfällig ist weil sie es auf eine abfällige Art und Weise tun?

Kennt ihr das, wenn ihr genau wisst, und fühlt und 100% überzeugt davon seid, dass diese Personen nur so mit euch umgehen, weil ihr ein Kopftuch tragt oder ein Bart oder eure usprüngliche Herkunft (in ihren Augen) nicht Deutsch oder Österreichisch ist, und merkt, dass sie auch nicht mal ansatzweise mit ihren weißen KollegInnen/StudentInnen usw. so umgehen und auch nicht so umgehen trauen würden?

Ich glaube manchmal, dass diese Menschen es einfach nicht ertragen können, dass man selbst mit ihnen als akademische, professionelle Person, die auf Papier auf der gleichen Stelle – auf Augenhöhe mit ihnen steht, am ein und denselben Tisch sitze. Ich glaube ihr Ego erträgt das nicht.

Wenn ich zum Beispiel sehe, dass in der Flüchtlingsarbeit einige Menschen, in hohen Stellungen genauso mit den muslimischen KollegInnen (mit „Migrationshintergrund“*) umgehen, wie sie mit ihren geflüchteten Klienten umgehen.

Und es dann erschreckt: weil wenn sie sich schon einer professionellen Person wegen ihrer Herkunft überlegen fühlen, (woher dieses Gefühl auch immer rühren mag) – wie fühlen sie sich dann tief im inneren gegenüber den geflüchteten Menschen die sie betreuen? Mächtig? Am längeren Hebel sitzend? Ergötzen sie sich daran, streicheln sie ihre Ego damit, dass sie so viel Macht haben und das unter dem Deckmantel der linken Hilfsbereitschaft?

Und da ist schon das nächste Problem: diese Menschen denken, dass sie nicht anfällig für Rassismusausübung und Diskriminierungsausübungen sind. Weil sie ihre auf einem weißen hohen Ross sitzende Seele und Ego damit streicheln, dass sie ja den „ach so armen armen hilfebedürftigen Flüchtlingen/Schwachen“ helfen, oder am Wochenende mit dem armen unterzivilisierten „Türkenkindern“ Fußball spielen. Oder Kleidung an geflüchtete Menschen spenden oder gar einen Zuhause aufgenommen haben.

Sobald aber eine/r von diesen irgendwann am selben Tisch mit ihnen sitzt, auf Augenhöhe, können sie das nicht mehr ertragen. Dann kommen die Gestiken, die Mimiken, das nicht ins Gesicht schauen, wenn sie mit einem reden, das, in der 3- Person von einem reden, obwohl man im selben Raum sitzt. Das unterschwellige Abstufen deiner Person, deiner Leistung und der Identität. Das unterschwellige Heraufstufen seiner Selbst.

Ich glaube, das ist eine andere Art der Machtausübung. Dieses Seelenstreicheln dieser weißen mächtigen Menschen. Dieses besser fühlen, durch das Elend anderer, durch das Schwachsein anderer und der Macht, die in ihren Händen liegt.

Edward Said sagt in seinem Buch Orientalismus, dass die weißen Mächtigen, das „Andere“ so konstruieren wie sie sie eben konstruieren, um anhand des „Anderen“ das bessere „Ich“ konstruieren zu können.

So ist das mit diesen Menschen auch. Sie konstruieren das Bild eines hilfebedürftigen, von ihnen abhängigen geflüchteten Menschen (das Andere) um das Ich von einem mächtigen, hilfegebenden, tollen Ich zu haben -> Seelenstreicheln eben! Man könnte es auch Seelenporno nennen. Wieso? Das könnt ihr euch selbst denken. Weiter konturieren sie das Bild einer doch nicht so professionellen Professionellen, (da die Professionalität ja eh konstant mit der Größe/Länge des Kopftuchs/Barts abnimmt) und benehmen sich auch dementsprechend. Dadurch ist das tolle überlegene „Ich“ nicht gefährdet, weil das Bild des „Anderen“ noch nicht so krass umgeändert wurde durch die Bildung, Sprache, Auftreten etc., dass das nicht mehr ins Schema passt.

Ich empfehle diesen Menschen einfach nur dass sie sich reflektieren, dass sie nicht sicher vor rassistischen Gedanken und/oder Handlungen sind, nur weil sie mit geflüchteten Menschen arbeiten oder sonst wo in einem sozialen Bereich mit ausländischen/weniger gebildeten Menschen mMh.

Und wenn sie diese Reflexion und die darauf folgenden Handlungen nicht tun können, dann, meine lieben an ihrer Macht so sehr hängenden weißen Seelen, die so gerne ihre Seele mit den Schwächeren streicheln – lasst es einfach! Und seht ein, dass ihr kein Stück besser seid als jene über die ihr spricht, wenn ihr an euren möchtegern-sozialistisch-linken-Stammtisch sitzt!

Von Selbstverwirklichung und Erfolg.

Wieder in einem Cafe spreche ich zu ihr, als würde ich zu mir selbst sprechen. Ich versuche ihr, die Brille des Schlechten abzusetzen und die Brille der Wahrheit ans Herz zu legen. Damit sie sich selbst nicht Unrecht tut. Ihrem Weg, ihrer  Geschichte, ihrem Leben und ihrer Bestimmung!

Enttäuscht, etwas frustriert vom nicht – vorankommen. Jeder tut etwas, jeder macht, jeder weiß was er machen möchte – nur wir nicht. Wieso?

Ich glaube daran, dass jeder einzelne Mensch für sich geschaffen wurde – bewusst. Mit Fähigkeiten und Eigenschaften, die nur dieser eine Mensch besitzt. Weil jeder Mensch eine andere Geschichte, einen anderen Hintergrund, andere Leiden und andere Freuden hat.

Gott hat den Menschen, wenn er mit Weisheit handelt, den Weg zur Selbstverwirklichung offengelegt. Doch der Mensch muss wissen, was er möchte und wofür er geschaffen ist.

Wir wollen alle Influencer sein, die besten Food- und Beautyblogger. Wir wollen tausende Follower als Instagram, die besten Fotos, die besten Kunstwerke, die besten Texte, die besten und coolsten Freunde. Wir geben mit Telefonaten und Treffen mit „bekannten“ Persönlichkeiten an – doch ist das erstens: unsere Bestimmung und zweitens: ist das Erfolg?

Gott spricht*, dass er den Menschen durch Anstrengung, Bemühung und das aktive Handeln formen wird. Er setzt das Bemühen voraus, damit er einen Menschen zu dem formen kann, für was er geschaffen ist.

Noch heute habe ich einer Freundin geschrieben: „Hast du mir nicht selbst vor Jahren gesagt, Gott wird dich schleifen und kneten, er wird dich formen und du wirst darunter leiden. Das ist alles, damit am Ende ein Diamant entstehen kann?“

Ich erinnerte sie an ihre eigenen Worte und mir wurde klar, dass es weder ihre Worte waren, noch heute meine Worte sind. Es sind die Worte des Schleifenden, des Formenden  und des Erziehenden.

Dieser Formungsprozess geschieht nicht von heute auf morgen. Es dauert lange, hat viele Etappen, hat viele Wege. Der Mensch muss erst einmal den positiven Pol des Menschseins entdecken, also: er muss sich selbst entdecken, der Mensch muss mit sich selbst Bekanntschaft schließen, sich selbst kennenlernen, damit er wissen kann, was und wer er ist, und wozu er ist. 

Man wird oft fallen und wieder aufstehen, um die Ausstattung für seinen eigenen Schöpfungssinn zu erlangen. Man wird Vorstellungen hinterfragen, seinen Verstand trainieren, die Persönlichkeit reifen lassen, damit man die Welt erschließen und gestalten kann. Man wird Wissen erlangen müssen, sich in Selbstbeherrschung üben müssen um dann Veränderung und Revolution üben zu können.

Gott verspricht** dem Menschen zu lehren, was er benötigt um sich selbst zu finden, sich selbst zu verwirklichen und somit dem Guten nützlich zu sein. Er leitet zum Ziel durch Fähigkeiten, durch das Öffnen und versperren von Wegen und durch die Sehnsucht, die in einem brennt nach dem, was man tun und was man erreichen möchte.

Ich habe vor kurzem in einem Seminar das Wort –lesbar werden- neu entdeckt. Und es hat mir sehr gefallen.

Denn Gott spricht darüber, dass wir als ersten Schritt, vor allem anderen lesen (Iqra) sollen. Lesen – lesen bedeutet: Einzelteile sehen, sie zusammenfügen und das Etwas dann als Ganzes betrachten (können). Somit ist es wichtig, dass jeder Mensch jedes einzelne Teil seines Lebens lebt, liest und betrachtet als Einzelteil das zum Ganzen führt – und der Mensch sich dadurch lesbar macht. Und nicht die Einzelteile klein schätzt, die es braucht, um zum Ganzen – um zum Erfolg zu gelangen.

Und was ist Erfolg? Ist Erfolg denn nun, 1Mio. Follower auf Instagram zu haben, ist Erfolg sich als „Künstler/in“ in der Biografie zu beschreiben, ist Erfolg auf der Bühne zu sitzen und sich applaudieren zu lassen, ist Erfolg eine Ausstellung, eine Publikation nach der anderen? WAS ist Erfolg? Wie definiert das Gute Erfolg, wie sehen wir Erfolg durch die Brille des Erziehenden?

Erfolg ist Glückseligkeit. Jeder Mensch möchte, wenn er im Totenbett liegt, doch einfach nur Glückselig sein und zufrieden mit dem was er getan hat, nach was er gestrebt hat. Denn Erfolg ist das Streben nach dem Guten um Glückseligkeit zu erlangen. Es ist nicht, wie RAF Camora in seinem Track „Niemals“ sagt, das reine Ziel. Sondern, Klischeehaft gesagt, der Weg, das aufrichtige Streben auf diesem Weg zum Ziel.

Für H. – Auf das wir uns formen lassen, um werden zu können und irgendwann zu sein. Gemeinsam.

 

*87:1/2

**87:6

Wahlkampfauftakt auf ServusTV.

Servus TV hat heute (01.Juni) wieder eine Glanzleistung erbracht. Das Problem mit den Muslimen ist dem Fleischhacker ja schon lange bekannt: „Das Problem ist der Islam“ schrieb er deshalb schon vor 10 Jahren (http://diepresse.com/home/meinung/kommentare/fleischhacker/330211/Leitartikel_Das-Problem-ist-der-Islam). Aber nun holte er den Integrationsexperten HC Strache als Studiogast, um seine eigene These mit ihm zu diskutieren. So hieß die Sendung auch: „Muslime in Österreich – warum scheitert die Integration?“ Bei so einem Titel, dieser Fragestellung und so einer Ausgangsposition ist es natürlich nicht möglich, das Thema in eine konstruktive Richtung zu lenken, denn eigentlich ist die Antwort schon vorgegeben.

Nach dem Servus TV gefühlt alle aktiven MuslimInnen in Österreich für die Sendung anfragte, diese aber absagten, weil man sich so einem Format nicht mehr hingeben und Respekt und Selbstachtung wahren wolle, griffen die Sendungsmacher nach Deutschland.

Der Politikwissenschaftler und Dozent Farid Hafez postete nach seiner Absage auf facebook:

„Ich halte es für höchst problematisch, unter so einem Titel zu diskutieren und hinzunehmen, dass ein Leben von MuslimInnen und restlichen Teilen der Gesellschaft bereits gescheitert sei. Das ist eine nicht bewiesene Behauptung, die für einen HC Strache, der auch an dieser Diskussion teilnimmt, eine ideale Ausgangslage für alle weiteren undifferenzierten Behauptungen bietet. Eine solche Aufmache dient nicht der Versachlichung der Debatte. Vielmehr reproduziert sie eine im rassistischen Diskurs vorhandene Essentialisierung des muslimischen Anderen. Und so etwas unterstütze ich nicht!“ (https://www.facebook.com/farid.hafez?fref=ts {02.Juni.2017}) 

Unter diesem Beitrag kommentierten zahlreiche ebenso angefragte MuslimInnen, die abgesagt haben und schlossen sich diesem Statement an.

Nach dem Servus TV am selben Tag der Sendung noch schnell eine (von all den Dingen ahnungslose) Muslimin in Deutschland anfragte und schnell einfliegen ließ, konnte die ganze Debatte, die einem Wahlkampfauftakt der FPÖ glich, losgehen. 

Heute waren auf der einen Seite, und das sage ich bewusst so, weil die TeilnehmenerInnen gerne über „Wir“ und „Sie“ gesprochen haben, HC Strache, der Historiker und „Islam-Experte“ Heiko Heinisch und Publizistin Birgit Kelle. Auf der anderen Seite waren die Modedesignerin Meriem Lebdiri aus Deutschland und Adnan Dincer aus Vorarlberg.

HC Strache war wie man ihn eben kennt: Bewaffnet mit Schlagwörtern wie „Kinder schützen“, „Salafismus“, „politischer Islam“ und weiteres was von einem Politiker aus seiner Ecke eben erwartet werden kann. Im Sinne einer berechneten „Islamkritik“ wurden alle Register gezogen. Von vergleichen islamischer Länder mit Österreich zum Kopftuch, über radikalisierte Jugendlicher, Predigten in Moscheen bis hin zu zusammenhangslosem Zitieren von Koranversen war alles dabei. Eigentlich mittlerweile sehr vorhersehbar.

Der Historiker und angebliche „Islam-Experte“ Heiko Heinisch wirft mit Zahlen um sich und versucht diese den anderen TeilnehmerInnen verständlich zu machen. Weiter möchte er der Mitdiskutantin Lebdiri erklären, dass weder sie noch er bestimmen könne, was ein Kopftuch bedeute. Frau Kelle wirft sofort ein, dass das die Gesellschaft tue. Im nächsten Satz entscheidet sich Heinisch um und wiederspricht sich, in dem er Lebdiri versichert: das Kopftuch ist ein Symbol des politischen Islam, ob sie wolle oder nicht. In dem Moment in dem Lebdiri versucht zu kommentieren, sprechen Strache, Heinisch und Kelle lautstark gleichzeitig auf sie ein und versuchen sie vom Gegenteil zu überzeugen. Lebdiri gibt auf. Wie arrogant muss man eigentlich sein, wenn man glaubt, einer erwachsenen Frau erklären zu müssen, was ihre selbstgewählte Kleidung bedeutet? Was für ein sexistisches Verhalten eine erwachsene Frau dermaßen zu bevormunden und ihr vorzuschreiben, was sie über ihr Kopftuch denken kann oder nicht?

Kelle, die offenbar an diesem Tag auf ihrem hohen Ross angereist ist, war das Abbild der europäischen, weißen Frau. Die Minderheitsgesellschaft müsse sich nun mal den Entscheidungen der Mehrheitsgesellschaft fügen. Dies nennt sie dann Demokratie. Das war dann auch ihr Lieblingswort an diesem Abend. Ob sie sich mit den Grundrechten in einer Demokratie auseinandergesetzt hat, ist eine Frage, die noch zu klären ist. Kelle möchte entscheiden. Weil sie Europäerin ist und Lebdiri & Dincer und alle für die sie an diesem Abend stehen, keine sind.

Selbst in ihrer Argumentation verteidigt sich Kelle und meint, es sei weder Diskriminierung noch Rassismus, was sie sage oder was sie fordere. Dann diskriminiert sie. Daraus kann man schließen, dass sie entweder rassistisch ist,  oder nicht ganz verstanden hat, was Diskriminierung und Rassismus bedeuten. Für sie sei das nämlich nicht Rassismus oder Angstmache, sondern ein „Standpunkt“ der Mehrheitsgesellschaft. Dass ihr Mitdiskutant Strache aber ständig über Angst spricht, interessiert sie weniger.  

Lebdiri, die Modemacherin aus Deutschland versucht oft, aber leider auch erfolglos das Wort an sich zu nehmen und ihren Standpunkt zu erläutern. Dabei geht sie oft in zwei Wort Dialoge mit Strache ein. Die Momente in dem sie das Wort an sich nimmt, vergibt sie sofort wieder mit der von ihr gestellten, aber bis zum Ende unbeantworteten Frage, wieso sie kein Kopftuch in der Schule tragen könne. Schlussendlich wurde, wie erwartet, die komplette Diskussion auf ihrem Rücken geführt, während Kelle sie um Erlaubnis bittet ihr mal Demokratie erklären zu dürfen, und Strache ihr lächelnd ins Gesicht sagte, dass er nichts gegen sie habe. Das hat nichts an der Situation geändert, dass sie die Quotenmuslima in dieser Runde war, um auch ja nicht vorgeworfen bekommen zu können, man habe der muslimischen Seite nicht das Wort gegeben. Dass die Redaktion im letzten Moment vergeblich nach einer Muslimin suchte, ist daran erkennbar geworden, dass man eine Frau in eine politische Runde setzte, die nicht aus dem politischen Aktivismus in Österreich kommt, sondern aus der Modeszene in Deutschland.

Dincer, der sogenannte „Migrantenpolitiker“ aus Dornbirn, hat seine Redezeit gut genutzt und war fokussiert auf politische Themen. Er ging sinnfreien Versuchen einer theologischen Diskussion, wie von Strache angezettelt, aus dem Weg und versuchte die Lage und die Empfindungen der MuslimInnen in Österreich so gut es geht zu erläutern.

Von Anbeginn an, durch die gezielte Setzung des Titels und mit einem weniger neutralen Moderator wurden MuslimInnen kollektiv in eine Verteidigungshaltung gedrängt und eine echte Debatte und Suche nach Lösungen unmöglich gemacht.  Mein Vorschlag für das nächste Mal wäre eine ausgeglichenere, auf Augenhöhe stattfindende Runde und vielleicht dasThema –Muslime in Österreich, wie gegenseitige Integration gelingt-!  

Frauensolidarität über Grenzen hinweg.

Ich war in den letzen Wochen wieder oft auf Veranstaltungen über Feminismus. Manchmal als Sprecherin, manchmal als Moderatorin, und oft als Zuhörerin. Oft war das Thema auch –Frauensolidarität-.

Ich merke, wie die ganzen Diskurse und Geschehnisse in unseren Ländern auch am Zusammenhalt der Frauen kratzt. Als Kind und Jugendliche meinte meine Familie immer, ich sei eigentlich zu spät auf die Welt gekommen – ich sei eine „60er-Jahre Frau“, durch und durch. Um ehrlich zu sein: ich war immer sehr stolz darauf. Denn das hat mir gezeigt, dass das was ich bin und das was ich sein möchte, von innen auch nach außen strahlt. Ich war oft alleine mit all den Gedanken die ich hatte, alleine mit all dem Kämpfergeist den ich in mir trug, und Gott seis gedankt, immer noch trage. Doch habe ich mit der Zeit Frauen gefunden, die genau so denken, die genau so fühlen. Die jeden Tag den selben Kampf kämpfen wie ich. Und es macht mich glücklich und baut mich auf. 

Sätze wie „Eine Frau die ein Kopftuch trägt, kann keine Frauenrechtlerin/Feministin/Kämpferin sein“, sind mir da nur unverständlich. Mein Geist, meine Seele und teils meine Lebensaufgabe werden mir abgesprochen. Nur weil ich einer bestimmten Religion angehöre. Das lasse ich nicht zu. Das lassen wir nicht zu! 

Ich streite nicht ab, dass die muslimische Community viele Probleme hat. Dass uns viele Herausforderungen entgegen stehen. Das ich mich oft damit beschäftige zeigt allein ein Blick auf all meine Posts. Doch wir dürfen auch nicht abstreiten, dass unsere Gesellschaft, unserer Gesamtgesellschaft, das System in dem wir Leben viele Probleme hat, dass uns auch hier viele Herausforderungen entgegen stehen. Wir müssen reflektieren, uns unserer bewusst sein, und dementsprechend handeln. 

Deshalb war ich motiviert und voller Freude und Licht, als ich bei einer Gruppe von jungen Frauen über Feminismus, Intersektionalität und Diversität sprechen durfte. Ich durfte sprechen als Betroffene. Zu anderen Frauen, mit denen ich mich zusammen tun möchte. Und den Weg gemeinsam gehen möchte. 

Mein Appell an diesem Nachmittag und immer war und wird sein: 
Lassen wir uns nicht von medialen und politischen Diskursen leiten und uns auseinander dividieren. Lassen wir nicht zu, dass zwischen „guten“ und „schlechten“ Frauen* und/oder FeministInnen unterschieden und separiert wird. Stehen wir ZUSAMMEN! Denn nur eine Frau* versteht eine Frau*, und nur eine Frau* hilft der Frau* ihre Rechte zu erlangen und dafür zu kämpfen. Sonst wird sich keiner „erbarmen“. Es ist egal, welche Religion, sexuelle Orientierung, Herkunft oder sonst was eine Frau* hat, für die Sache der Gerechtigkeit müssen wir zusammen stehen!

Foto: Frauenpolitische Kommission Steiermark

Erdogan ist nicht mein Vater!

„Und, sagen Sie mal, was halten Sie eigentlich von Erdogan?“, „Und was denken Sie darüber, was Erdogan so sagt?“

Diese Frage kommt mir bei jeder Gelegenheit, mindestens einmal am Tag, gleich nach der Frage, wieso ich denn ein Kopftuch trage, angehängt entgegen. Auch wenn mir diese Frage nicht gestellt wird, bin ich in sozialen Medien ständig damit konfrontiert. Als ich letztens auf einer Rap(!) Seite die AfD kritisiert habe, haben andere LeserInnen mich darüber augeklärt, dass ich als „Türkin“ doch erst mal Erdogan anschauen sollte. Man spricht mit und anderen in Deutschland und Österreich lebenden Menschen das Recht ab, in unserem Land, also DE und AT partizipieren zu dürfen!

Es wird darüber gestritten, dass türkische PolitikerInnen die türkische Innenpolitik nach Deutschland und Österreich tragen, aber, wenn ich Zeitungsseiten aufschlage oder Diskussionsrunden im TV ansehen möchte, im deutschen TV springt mir Erdogan nur so entgegen.

Ich möchte eine Sache klarstellen: Erdogan ist nicht mein Vater, nicht mein Bruder, nicht mein Mann. Erdogan ist nicht mit mir verwandt oder verschwägert. Wir sind auch keine Blutsgeschwister, ganz romantisch gesehen. Ich hatte noch nie Kontakt mit ihm, ich habe nicht einmal ein Wikipediaartikel über ihn gelesen. Ich interessiere mich einfach nicht für ihn!

Ich muss mir aber jeden Tag etwas über Erdogan anhören, wo ich mich doch null für die türkische Innenpolitik interessiere.

Wieso denn auch? – Ich kann sie nicht aktiv mitgestalten – wieso dann Zeit vergeuden, wo Deutschland und Österreich meine Heimat sind, ich hier wählen und aktiv Partizipation üben kann.

Durch diese ganze Türkei- und Erdogandebatten, werden muslimisch-türkisch-kurdische Menschen, nur noch mehr in die Ecke gedrängt, und dazu gezwungen, sich mit etwas zu beschäftigen, mit dem sie sich nicht beschäftigen würden oder wollen. Und im Gegenzug wird ihnen dann vorgeworfen, dass sie sich damit beschäftigen, sie hätten sich doch zu integrieren. Was ein Paradoxon!

Auf der anderen Seite, werden nicht-türkische Menschen durch die Medien dazu gezwungen, sich dazu eine Meinung zu bilden, im Rahmen ihres Zugangs, also meist dagegen. Es ist eine von außen aufgetragene Debatte – fremdbestimmt.

Ich glaube Politik und Medien müssen endlich verstehen – um Schadensbegrenzung betreiben zu können – dass wenn sie so auf den Zug aufspringen, Menschen mit türkischem Hintergrund Aussagen von Erdogan in Deutschland oder Österreich ausbaden müssen, sie tagtäglich damit beschäftigt sind, und die Türken- und Muslimfeindlichkeit steigt, so auch, dass der Zulauf an Erdogan nur steigen oder zumindest konstant bleiben wird.

Außerdem fällt niemandem auf, dass wir mit all diesen Debatten, wieder Debatten von vor 20 Jahren wieder aufholen, und darüber sprechen, ob wir uns hier wohl fühlen, ob das Land unsere Heimat ist. Integrationsdebatten von vor 20 Jahren, sind heute in Talk-Shows und Podien wieder der Renner. Das muss aufhören! Wir dürfen nicht wieder Schritte zurück machen, wir müssen nach vorne schauen – müssen unsere Zukunft gestalten und nicht, unsere Vergangenheit wieder in die Zukunft packen. Wir haben durch diese Debatten seiner Zeit schon genug Schaden davon getragen, wir können es besser, und so sollten wir es auch tun!

Kritik an die Herrscher.

Es gibt eine Geschichte aus der Zeit des Kalifen Omar r.a. die ich vor langer Zeit einmal hörte. Omar r.a. hat nach Antritt als Kalif irgendwann beschlossen, dass er den Betrag der Brautgabe auf einen bestimmten Höchstbetrag begrenzen wolle.

Die teilte er seinem Volk bei einer Besprechung mit. Kaum hatte er ausgesprochen erhob sich eine Frau aus der Masse, und wies ihn zu Recht. Sie meinte, dass der Kalif nichts begrenzen könne, was Allah für die Frau unbegrenzt und frei gelassen hatte. Es wäre Unrecht was er damit täte. Sie sagte das vor der ganzen Masse. Ich wiederhole, gibt euch das bitte: eine Frau erhebt sich und weist den Kalifen Omar! darauf hin, dass sein Beschluss ein Fehler ist. Und was tut er?

Omar, der dafür bekannt ist, dass er stark, aggressiv, und nicht gerade zum Schmusen ist. Er gibt ihr Recht, und nimmt seinen Beschluss zurück. Die Frau setzt sich sicher und die Sache ist gegessen.

Normalerweise führe ich solche Beispiele an, wenn ich zeigen möchte, dass Frauen sehr wohl ihre Klappe aufmachen dürfen und auch sollen. Doch heute geht es mir um etwas Anderes.

Ich wurde heute darauf aufmerksam gemacht, dass ich als Muslima dazu verpflichtet sei, die Fehler der muslimischen Geschwister zu verstecken.

Ich gebe Recht: Geschwister sollten die Fehler anderer Geschwister verdecken, sie nicht vorführen. Wir wissen, Allah sieht alles, weiß alles und wird jeden einzeln zur Rechenschaft ziehen.

Doch ein Staatsoberhaupt nicht kritisieren zu dürfen, (es ging in diesem Fall nämlich um Politik und Politiker) und nicht auf seine Fehler aufmerksam machen zu dürfen – ich weiß nicht was ich davon halten soll.
Die Beschlüsse die von einem Staatsoberhaupt ausgehen betreffen nicht nur ihn selbst, sie betreffen ein ganzes Volk, betreffen auch andere Menschen, die auf ihr Recht warten(warteten), die ein Recht auf ihr Recht haben!

Sollte man dann nicht wie diese Frau aus der Geschichte auf Fehler und Unrecht aufmerksam machen? Ist das nicht eine, unsere muslimische Pflicht? Und wenn selbst Omar r.a. so cool damit umgehen kann, wieso trauen wir es dann nicht einem Erdogan oder einer Merkel zu mit Kritik umzugehen? Wieso können diese nicht von ihrem hohen Roß runter steigen und akzeptieren, dass sie evtl. eine Fehlentscheidung getroffen haben? Kritisiert man nicht Menschen, von denen man etwas hält? Ist Kritik nicht eigentlich die schönste Form von Anteilnahme und Partizipation, oder ist es doch das blinde Folgen, gut und schön reden aller Sachen?

Kritik gehört dazu – Muslime sind dazu verpflichtet auf Missstände aufmerksam zu machen, mit Hikma, also Weisheit und Recht zu sehen, zu hören und zu handeln und Zulm, also Unrecht entgegenzuwirken und abzuschaffen, egal, woher diese kommt!