Social Media vs. Realität.

Ich kenne sie seit längerer Zeit und weiß mehr oder minder was für ein Leben sie führt. Letztens sind wir uns noch begegnet und waren darauf hin einen Kaffee trinken. Sie war nicht sehr glücklich. Es gab Probleme in der Universität, mit ihrer Familie aber vor allem mit ihrem Partner. Sie habe das Gefühl, dass die Beziehung den Bach runter ginge und beide Seiten einfach nur noch unglücklich seien. Wir redeten lange, und umso mehr ich mit Menschen rede, desto klarer wird mir, dass jeder Mensch seine Probleme hat und zum Teil leidet, wenn nicht sogar unglücklich ist.

Am Abend komme ich Zuhause an und chille gemütlich mit Tee und Laptop auf dem Bett. In facebook sehe ich dann ein Bild. Neu von ihr hochgeladen. Mit ihrem Partner. Breit grinsen sie und sie schreibt etwa was wie „du bist das Beste und nur mit dir bin ich glücklich“ oder so ähnlich. Das Bild hat natürlich viele Likes und auch viele Kommentare sind unter dem Foto welche die Begeisterung über die so schöne Beziehung und das so glückliche Paar bekunden sollen.

Parallelwelten!

Die Welt die wir in der Realität leben steht in keinster Weise mehr auf einer Ebene mit der, die wir in sozialen Netzwerken vorgeben sie zu leben. Man postet ein Foto auf facebook mit seinem Partner und schreibt bis in die Ewigkeit liebende Worte darüber, während man am Mittag der Freundin noch erzählt hat, dass man sich wahrscheinlich bald trennen würde. Man postet die schönsten Fotos vom Urlaub, welche den Neid in den Menschen hervorbringt, aber schreibt eben nicht dazu, dass der Arzt eine Reise empfohlen hat, weil der psychische Zustand nicht mehr so toll aussieht. Das schönsten Essensbilder postet man, schreibt aber nicht dazu, dass man die Wand anglotzt, während man das Essen isst und die Einsamkeit einen fertig macht.

Es bergen sich viele Gefahren für einen Selbst in diesem Phänomen, doch auch für andere, die diese Bilder ansehen.

Man selbst schafft sich eine Welt, wie sie einem gefällt und wie man sie gerne hätte. Das Problem daran – man hat sie nicht! Die Anderen schauen diese Bilder an, vergleichen das was sie sehen, nicht das Reale, mit ihrem eigenen Leben und werden eventuell immer unzufriedener mit ihrem eigenen Leben.

Das glückliche Paarfoto führt dazu, dass man von seinem eigenen Partner oder der Partnerin noch mehr und mehr und mehr erwartet in der Beziehung. Denn: „andere sind so glücklich, und wir führen nur eine „normale“ Beziehung“. Man wir unzufriedener mit seinem Leben und alles und jedem, was darin ist.
„XY hat Bilder von ihrem neu gebauten Heim gepostet und wir leben seit Jahren in dieser 2 Zimmer Wohnung, weil wir kein Geld haben. Ich habe nix!“ Niemand bedenkt, dass XY jetzt Schulden bis zum Tod hat. Das würde XY auch so niemals posten, wie die Bilder des neuen Hauses, oder des Autos, oder des Urlaubs, oder…

Jeder Mensch sollte sich reflektieren. Bei jedem Post den er in der Öffentlichkeit macht. Bei jeder Lüge die man über sein Leben postet, sollte man sich überlegen, was man damit erreichen möchte und was man im Ergebnis wirklich erreicht! Kein Mensch würde nach einem Streit posten, wie scheiße er/sie seinen PartnerIn findet. Doch jeder postet es, wenn er/sie nett für einen gekocht hat.
Das Glück mit anderen teilen und etwas Anerkennung und Aufmerksamkeit bekommen – das ist normal, und normal ist ok. Doch wenn es den Rahmen sprengt, dann ist das für einen Selbst und auch für die Anderen nicht mehr gut.

Nein, das ist kein Schweinefleisch.

„Nein, das ist kein Schweinefleisch.“, antwortet die Pädagogin auf die Frage eines Mädchens welche sie betreut, ob die Würstchen aus Schwein wären. Nach dieser Antwort greift sich das Mädchen 2 Stück und vertilgt diese herzhaft. Wahrscheinlich merkt sie nicht einmal den Geschmacksunterschied. Ich weiß nicht, ob ich ihn raus schmecken würde. Die Pädagogin schnippelt weiter am Salat als sei nichts und verteilt diesen an die Kinder. Sie weiß, dass die kleine Canan eine Muslima ist.

Von weitem beobachte ich die Situation und nehme mir vor, sie später darauf anzusprechen.

In der Einrichtung zurück, lege ich meine Jacke ab wobei meine Kolleginnen schon am Tisch sitzen und ihren Feierabend-Kaffee genießen. Während dessen überlege ich, wie ich das Thema wohl am besten anspreche und möglichst emotionslos und rational erkläre, dass das absolut daneben und nicht pädagogisch vertretbar war, was sie dort abgezogen hat. Als ich am Tisch ankomme brauche ich nicht weiter zu überlegen – sie sind schon mitten im Thema.

„Ach, die Kinder“, erklärt sie gerade, „die wissen doch gar nicht was der Sinn der ganzen Sache ist, und ich versteh es auch nicht. Fleisch ist Fleisch. Was passiert denn, wenn sie Schwein ist, nichts! Sie hat es ja nicht einmal gemerkt, also werden die Eltern auch nichts davon erfahren und gut ist.“ Die andere Kollegin nickt zustimmen, und ich habe mich mit meinem Kaffee schon dazu gesetzt. Als offensichtliche Muslima werde ich angesprochen, bevor ich überhaupt ansetzen kann: „Oder Esim? Ich meine, was passiert denn jetzt wenn sie das gegessen hat?“

Ich finde diese Art von Ignoranz erschreckend! Als Pädagogin, deren die Kinder von ihren Eltern anvertraut so unsinnig mit ihren Werten umzugehen, das ist absolut daneben. Es kann sein, dass man die Regelungen, an welche sich einige Menschen halten nicht nachvollziehen oder verstehen kann. Gibt das einem aber das Recht dazu so falsch und den Eltern gegenüber hinterlistig mit diesen umzugehen?

Als mir so eine Situation mit Gummibärchen welche Gelatine beinhalteten das erste Mal passierte, dachte ich das sei ein Einzelfall gewesen doch erlebte es noch öfter. Oft höre ich auch im Austausch mit anderen KollegInnen, dass diese ähnliche Erfahrungen machen. , PädagogInnen gehen also zum Teil und nicht selten nachlässig mit religiösen Geboten, welche die Eltern von Anfang an klar stellten um. „Soll das Kind halt diese Gummibärchen essen, passiert ja nichts!“ oder „Es merkt gar nicht den Unterschied zwischen Schwein und Rind, also!“ Das sind „Argumente“ die angebracht werden.

Die Betreuung der Kinder welches das physische mit einschließt sind 1/3 der Hauptaufgaben von PädagogInnen. Diese ist meiner Meinung nach nicht erfüllt, wenn die PädagogIn nachlässig mit Regelung seitens des Elternhauses umgeht, die absolut leicht umzusetzen sind. In einer Einrichtung in der ich arbeitete war ein kleines nicht-muslimisches Mädchen, die Veggie ernährt werden sollte. Dies konnte man auch einhalten.

Schlimm aber ist, dass das von Respektlosigkeit gegenüber den Werten und Ignoranz gegenüber der Familie selbst zeugt. Nach mehr als 50 Jahren, dass muslimische Familien in diesem Land leben und ein Teil dieses geworden sind auf solche Situationen zu stoßen ist ein echtes Armutszeugnis der jeweiligen Personen.
Ich frage mich, wie man unter solchen Umständen ein gutes Vertrauensverhältnis aufbauen soll welches wichtig für die kindliche Entwicklung ist?!

„Alles, was Ihr für Euch von den Menschen erwartet, das tut Ihnen auch.“
Matthäus 7,12

Demut und Bescheidenheit.

Ich erinnere mich an eine Überlieferung, in der es um die Reise von Omar r.a. nach Jerusalem geht. Omar r.a. war mit einem seiner ‚Diener’ auf der Reise nach Jerusalem. Die Beiden hatten ein Reittier und wechselten sich während der Reise mit dem Reiten ab. Dabei gab es keinen Unterschied bei der Zeit des Reitens zwischen dem damaligen Kalifen Omar r.a. und seinem Diener.

Als die beiden die Tore der Stadt erreicht hatten war der Diener gerade an der Reihe zu reiten und Omar r.a. lief. Der Diener bat den Kalifen darum wieder auf das Tier zu steigen, da er befürchtete man könnte sie verwechseln. Omar r.a. bestand aber auf das Recht des Dieners diese Strecke zu reiten und war nicht zu stolz möglicherweise mit einem Diener verwechselt zu werden.

Tatsächlich trat die Befürchtung des Dieners ein und die Bewohner der Stadt dachten, dass der Diener der Kalif sei, und der Kalif Omar r.a. der Diener, da er lief und der Diener ritt.

Omar r.a. war und ist schon immer als ein harter, starker und stolzer (nicht im negativen Sinne) Mann bekannt. Doch obwohl er damals eine besondere Stellung in der islamischen Welt hatte, und zwar die des Kalifen, war sein Gerechtigkeitssinn und vor allem aber seine Demut und Bescheidenheit so groß, dass er dem Diener nicht sein Recht nehmen wollte, noch machte es ihm etwas aus, mit Diesem deshalb verwechselt zu werden.

Ich will zu dieser Geschichte eigentlich nicht viel schreiben. Ich denke sie spricht für sich. Durch die vielen Möglichkeiten die uns mittlerweile gegeben sind, ist es uns ein leichtes in die Öffentlichkeit zu treten und vielleicht sogar uns „einen Namen“ zu machen. Man wird bekannt, Leute hören auf die Meinung und auf das Wort das man spricht und irgendwann hat man eventuell hier und da sogar Einfluss. Doch sollten uns diese Dinge unseren Gerechtigkeitssinn, aber vor allem nie unsere Demut gegenüber Allah und auch seinen Geschöpfen und noch weniger unsere Bescheidenheit nehmen.

Erhobenen Hauptes zu laufen zeugt von Stärke. Und Stärke in der Sache für die man ein tritt ist gut. Doch wenn das Haupt erhoben ist auch Hochmut und falschem Stolz, dann sollte man an den Kalifen denken, dem es nichts ausmachte mit einem Diener verwechselt zu werden und der nie seine Bescheidenheit und Demut verlor.

Der Prophet Muhammad (Segen und Frieden seien auf Ihn) warnte uns vor einem Fünkchen Hochmut im Herzen. Möge Gott uns helfen, diesen Fünkchen auszulöschen, nie zum brennen zu bringen oder zu verringern bist er irgendwann ganz weg ist.
Amen.

„Komm nur, ja komm nur, wer immer Du bist.“

Ich war schon auf einigen Anti-Pegida-Demonstrationen. Einige Male um zu beobachten, andere Male um mit zu laufen und einmal stand ich sogar da, und habe laut mit gepfiffen und gerufen. Doch jedes Mal, wenn ich den Platz verließ, habe ich mich gefragt, was das denn nun gebracht hat?

Die Pegida demonstriert immer noch, die Anti-Leute ebenso. Und man kommt einfach nicht auf einen Nenner. Oft habe ich mit Mit-Demonstranten darüber diskutiert, was man wirklich machen könnte, um die Gedanken der Gegenseite zu ändern, sie „aufzuklären“. Allein mit „Nazis raus!“ Rufen wird das sicherlich nichts.

Heute Morgen habe ich einen Artikel gelesen, der mir eine Antwort auf meine Frage zu geben scheint.

In Phoenix, USA organisierten einige Menschen eine „Anti-Islam Demo“. Die „Demonstranten“ waren mit T-Shirts bekleidet, die mit beleidigenden und rassistischen Sprüchen bedruckt waren und einige „Demonstranten“ waren sogar bewaffnet.

In der Nähe des Demonstrationsortes befand sich eine Moschee. (Scheinbar haben sie gegen die Moschee demonstriert). Die Reaktion der Moscheebesucher war eine Einmalige. Sie nutzen diese negative Stimmung, um etwas Positives zu tun und luden die Demonstranten in die Moschee ein, um ihre Fragen zum Islam und den Muslimen zu beantworten. Zwei Demonstranten nutzen diese Gelegenheit und berichteten später, dass sie danach ein komplett anderes Bild von der Religion und den Muslimen hätten, dadurch, dass sie das erste Mal in direkten Kontakt getreten sind. Die Moscheebesucher hätten all ihre Fragen beantwortet, und sie hätten erkannt, dass ihr Hass, ihre Angst und ihr Unmut unbegründet seien. Die beleidigenden T-shirts gegenüber den Muslimen würden sie sicherlich nicht wieder tragen, fügten sie noch hinzu.

Seit ich ein Kind bin wird mir die Geschichte erzählt, von einer Begebenheit des Propheten (s) und seinem jüdischen Nachbarn, der ihm immer seinen Müll vor die Tür warf. Der Prophet (s) erhob nie seine Stimme oder warf den Müll zurück. Er entsorgte den Müll jedes Mal. Als eines Tages kein Müll vor seiner Tür lag, fragte er den Sohn des Nachbarn, ob es seinem Vater gut ginge. Der Sohn meinte, sein Vater lege krank im Bett. Daraufhin besuchte der Prophet (s) seinen jüdischen Nachbarn, der zuvor Tage lang Müll vor seine Tür legte, um ihm gute Besserung zu wünschen.

Das ist die Art und Weise, in der Muslime und Menschen mit gutem Charakter handeln sollten, wenn sie Menschen begegnen, die ihnen mit Hass oder Unmut entgegen treten. 

Im Koran heißt es sinngemäß: „Euch euer Glaube, mir mein Glaube.“ (109:6). Oft wird dieser Vers als Abgrenzungslegitimation genommen. Ich sehe aber viel mehr in diesem Vers, nämlich eine Aufforderung zur Toleranz und Akzeptanz jenen gegenüber, die nicht das Selbe glauben (möchten) wie man selbst. Jedem das Seine, wie man so schön sagt.

Der Prophet (s) selbst wird im Koran als „Barmherzigkeit für alle Welten“ (21:107) beschrieben. Wenn der Prophet (s) das Vorbild eines jeden gläubigen Muslims ist, ist dann die Barmherzigkeit und die Liebe nicht eine Pflicht jedes Muslims?

Vielleicht liegt die Antwort auf die Frage des Hasses in der Barmherzigkeit, mit welcher wir Menschen begegnen sollten, die es eventuell nicht besser wissen?!…

Komm nur, ja komm nur, wer immer du bist. Rumi

Wer Gott/Allah hat braucht keinen Therapeuten.

Wir trinken Kaffee und reden über alles Mögliche. So wie es Freundinnen eben tun. Sie erzählt über ihre Arbeit, Familie, das Ehrenamt. Und dann ich, Uni, Familie, Ehrenamt…

Ihre Augenringe sind pechschwarz – so hatte ich sie noch nie gesehen. Ihre Augen so eng zusammengekniffen, als würden sie brennen. Sie ist ruhiger als sonst, schaut oft auf die Uhr, atmet oft tief ein – tief aus.

Im Arbeitszeugnis meines FSJ steht, dass ich eine außergewöhnliche Empathiefähigkeit habe. Ob das stimmt, das weiß ich nicht, aber ich habe gemerkt, dass mit ihr etwas nicht stimmt – und frage sie danach.

Kaum frage ich, ob denn alles ok mit ihr sei und teile ihr mit, dass sie einen sehr belasteten Eindruck mache, bricht sie in Tränen aus. Als hätte sie die ganze Zeit über nur darauf gewartet, dass sie jemand danach fragt. Sie weint und weint… und weint. Ich reiche ihr ein Taschentuch, setze mich zu ihr und lege meine Hand auf ihren Rücken.
Ich weiß, dass sie sich erst einmal ausweinen muss. Ich bin da. Das soll sie wissen. Ich bin da und es ist alles in Ordnung.

Nach dem sie sich etwas beruhigt hat beginnt sie mir einiges zu erzählen. Ihr geht es seit Wochen, gar Monaten nicht so gut. Sie hatte zu viel Stress, hat zu viel mit sich machen lassen und hat sich selbst zu sehr vernachlässigt – und so fing alles an.

Jetzt weint sie nur noch, fühlt sich schlecht und hat kaum mehr Freude an den Dingen, die sie zuvor mit Leidenschaft machte.
Nach einer Weile, frage ich sie, wieso sie sich keine professionelle Hilfe holt.

„Es ist doch okay, mal mit einer Person darüber zu sprechen, die das Jahrelang studiert hat und die evtl. wissen könnte, was nicht in Ordnung ist und noch viel wichtiger – wie man dir helfen kann. Es ist nicht schlimm zu einem Psychologen zu gehen. Du wirst auch nicht sofort als psychisch Kranke betitelt oder abgetan. Geh doch hin, rede mit einem Fachmann oder einer Fachfrau darüber, da wo du dich besser fühlst.“

Sie schaut mich mit großen, erstaunten Augen an. „Meinst du das ernst?“, fragt sie mich. Nach meinem „Ja!“ meint sie, sie wollte dies tun, doch dann habe sie sich bei Freunden und Familie Rat holen wollen und alle haben ihr gesagt, dass ihr Iman, also die Verinnerlichung des Islams einfach nur zu schwach sei, und sobald sie etwas mehr betet und im Koran liest, würde dies alles vorüber gehen.

Ich bin geschockt. Noch geschockter bin ich aber, als ich mit meiner christlichen Freundin darüber spreche und sie mir erzählt, dass das auch in ihrer Community so ist. „Dann sagen sie, du hast die Verbindung zum Vater und zu Jesus verloren, und du solltest öfter beten.“

Darf ein gläubiger Mensch nicht schwach sein? Darf ein gläubiger Mensch keine „depressive“ Phase haben?

Wieso haben gläubige Menschen immer das Bild einer „heilenden Religion“, das verstehe ich nicht. Ist es nicht ein Unterschied ob man sich Gott näher oder entfernter fühlt oder ob man einfach ein seelisches Problem hat, dass mit Gesprächen bei Fachleuten aufgehoben werden könnte?

Die Rede ist nicht von total verwirrten Menschen, welche ihre Kinder, Familienmitglieder oder andere Personen zu Hocas oder Priestern bringen, um die was-weiß-ich-was aus ihnen „holen zu lassen“, sondern ganz einfache Problematiken.

Als ich mich intensiver mit der Sure ‚Ad-Duha‘ im Koran auseinander gesetzt hatte, in der Allah zum Propheten (s) sinngemäß spricht: „Dein Herr hat dich nicht verlassen und verabscheut dich nicht.“ und mir Gedanken über den Offenbarungsgrund gemacht habe wusste ich – selbst der Gläubigste alles Gläubigen war traurig. Sehr traurig. So traurig, dass er Panik bekommen hat, Angst, und wer weiß, vielleicht das, was man heute „depressive Phase“ nennen würde, durchgemacht hat, aus Angst, etwas oder jemanden verloren zu haben, den er liebt.
Wieso darf dann die Schwester, die einfach überfordert mit ihrem Leben ist, oder der Bruder, der einfach zu viel arbeitet und eine zu große Verantwortung auf seinen Schultern liegt nicht schwach werden und sich in der Schwäche Hilfe holen?

Die Menschen, und vor allem die religiösen Menschen müssen sich mit dem Gedanken anfreunden, dass es in Ordnung ist seelisch mal etwas schwächer zu sein.

Es ist keine Schande zu einem Facharzt für Psychologie zu gehen, und mal das Gespräch bei einer neutralen Fachperson zu suchen. Es bedeutet auch nicht, dass man keine gute Ehefrau, Tochter, Studentin, Jugendgruppenleiterin oder Muslima/Christin  ist. Und auch nicht, dass man kein guter Ehemann, Sohn, Arbeiter, Leiter oder Muslim/Christ ist.

Gott, Sein Buch und Sein Weg, für den wir uns entschieden haben ist natürlich die erste Instanz, und es ist absolut nicht zu bestreiten, dass die Nähe zu Gott eine gewisse Ruhe in die Herzen der Menschen legen kann – dies wird im Koran oft erwähnt. Wenn wir rufen, dann rufen wir als erstes Ihn, denn Er hört den Ruf des Rufenden.
Aber Er gibt auch menschliche Möglichkeiten. „Wissenschaftliche“ Möglichkeiten, die in Ordnung sind, wenn man sie nutzt und uns nicht zwangsläufig von Ihm entfernen müssen.

Nachtrag: ich möchte mit diesem Artikel keinesfalls die Macht Gottes, und die beruhigende Wirkung seiner Worte auf das Herz und die Seele klein reden. Doch es gibt Situationen im Leben die kontinuierlich blöd verlaufen, an denen man sich Hilfe holen kann und sollte. Ohne sich dafür schämen zu müssen. Ebenso möchte ich nicht allen Muslimen vorwerfen, dass sie diese Meinung teilen. Meine Absicht ist es, zu sensibilisieren.

Gastarbeitergespräche bei Bier & Früchtetee.

Mein aromatisierter Früchtetee und mein Bienenstich stehen bereit. Neben mir zwei Freundinnen mit heißer Schokolade und je einem Kuchenstück.
Wir fangen an uns zu unterhalten, da kommt sie, die vierte im Bunde – fertig vom Unitag und bestellt. Bestellt ein Bier.

Jahre ist es her, dass ich an einem Tisch mit Alkohol saß. Ungewöhnlich vielleicht für Nicht-Muslime dieser Gedanke, aber ungewöhnlich für mich, dass Bier auf dem Tisch steht, an dem ich sitze.

Aufstehen und gehen? – Übertrieben und unhöflich!
„Ehm, bitte kein Alk‘ am Tisch!“ – Was geht’s mich an, was sie trinkt?

Ihr Bier kommt und wir beginnen die Unterhaltung.
Erst die notwendige „Lästerrunde“ über die DozentInnen, um der Wut Platz zu machen, dann über Gott und die Welt.

Erst geht es um die Kirche, dann um kirchliche Einrichtungen, dann die Verbundenheit zur Kirche, womit die Moscheethematik nicht mehr lange auf sich warten lässt. Dann geht es um Moscheen, islamische Einrichtungen, Gemeinden, Nationalitäten und Identitäten. Und da ist sie, die Frage aller Fragen: wer bist du eigentlich, Esim?

„Weißt du, erst kam mein Opa, der „Gastarbeiter“, dann mein Vater, das „Gastarbeiterkind“, der nie eine Bildungschance haben würde, da er eigentlich ja wieder gehen sollte. Und dann kam ich. Die Enkeltochter eines „Gastarbeiters“ und die Tochter eines bildungsfernen „Gastarbeitersohnes“.
Doch das Wort –Gastarbeiter- ist unrichtig gewählt, denn irgendwann wurden sie leise und still, vor sich hin, den Traum vom Haus auf dem Dorf aufgebend und sich mit Glockenklängen anfreundend, von Gastarbeitern zu Bürgern dieses Landes. Doch niemand, ja nicht einmal sie selbst, bemerkten dies.
Heute ist es nicht mehr so. Wir, die Jugend die zum Teil schon die 4. Generation hier ist, verschanzen uns nicht mehr in unsere Ecken, in denen wir „unsere Sprachen“ sprechen. Unsere Sprache ist nämlich die deutsche und unsere Ecken sind die Universitäten, die Schulen, die Büros, die Sitze in politischen Vereinen und der Joga-Kurs.
Ich bin nicht (mehr) die Enkeltochter eines Gastarbeiters. Ich bin Esim, die muslimische, deutsche Studentin, die sich für das Wohl der deutschen Gesellschaft einsetzen möchte und einsetzt.“

Ihr Bier halb voll (oder halb leer – kommt drauf an wie die seelische Stimmung so ist) nickt sie eifrig. „Und ‚der Islam’?“
Sie fragt mich nach „DEM“ Islam.
„Ja, zum Beispiel die Mädchen, die nur halb so viel dürfen als die Männer, was sagst du dazu, als emanzipierte Frau?“
Die anderen Zwei machen große Augen, die Stärkung ihrer Vorurteile erwartend. Glaube ich zumindest.

„Ich hasse Tradition“, sage ich ganz plump. „Und mehr als dass ich Tradition hasse, mag ich es nicht, wenn man die Tradition so darstellt als sei sie Religion. Meine „emanzipierte“ Ader habe ich vom Islam, von den Frauen des Propheten Muhammad (s). Nicht von A.Schwarzer & Co. oder Feministinnen Zeitschriften.“

Ihre Schokolade ganz ausgetrunken schaut sie mich erstaunt an.
„Wenn man dich von außen so sieht, will man dich sofort in die Schublade des braven, türkischen Mädchens stecken. Aber dann sitzt du hier und machst mein komplettes Weltbild kaputt in dem du auf den Tisch haust und meinst „Ich hasse Tradition“!“

Ich lächle. Das Bier der 4. im Bunde ausgeblendet, zu sehr in der Rolle der freien, deutschen, muslimischen Frau vertieft, verlasse ich am Ende das Café. Eine Umarmung – bis Montag!

Es war ein guter Tag. Ich habe das Gefühl etwas bewirkt, etwas bewegt zu haben. Und das, während Bier auf dem Tisch stand.

Manchmal (wenn sie mir nicht gerade Leid tut) beneide ich sie.

Sie hat nach ihrem Schulabschluss eine Ausbildung gemacht. Die Bezeichnung genau kenne ich nicht. Aber sie ist im Büro tätig. Eine Art Bürokauffrau. 

Sie wacht jeden Morgen um 7.00 Uhr auf, macht sich fertig und fährt -mit ihrem mittelklasse  Auto – zur Arbeit. Um 8.00 Uhr ist Arbeitsbeginn. Um 12.00 Uhr geht sie in ihrer Mittagspause zum Bäcker nebenan. Sie kauft sich, wie jeden Tag einen Kaffee und ein Stück Pizza, zudem blättert sie in einem Frauenmagazin. Wasser hat sie dabei. Um 13.00 Uhr ist sie wieder im Büro und pünktlich um 16.00 Uhr verlässt sie das Büro. 

Einmal die Woche geht sie nach der Arbeit zum Sport und ab und ab trifft sie sich nach der Arbeit mit ihrer Freundin zum Kaffee und sie sprechen über die neuste Mode, über den neuen Freund ihrer Freundin und lästern etwas über ihre Kollegen ab.

Danach fährt  sie Nachhause. Bei der Einfahrt angekommen schimpft sie über den Nachbarn, der seine Mülltonnen immer noch nicht ins Haus geräumt hat. Sie geht rein, macht sich Abendbrot, surft etwas im Internet, schaut eine Folge ihrer Frauen-Serien an und geht dann, nach dem sie paar Seiten gelesen hat ins Bett. 

Das macht sie jeden Tag so. Mit 30 will sie heiraten und kurz danach ein maximal zwei Kinder. Für diese möchte sie einen Garten, also wird sie mit ihrem Mann ein Haus kaufen. 

Bis dahin spart sie ihr – „ganz gut zum Leben“ – Gehalt, damit sie sich einmal im Jahr einen Urlaub leisten kann, an dem sie ausschließlich am Strand liegt  und kaum etwas von Land an sich sieht. 

Einmal im Monat besucht sie die Oper oder ein Theaterstück um ihr Kulturgut aufzubessern und ab und an blättert sie sogar in einer Zeitung. Das Wochenende „feiert“ sie oder geht bowlen. Nahe Weihnachten geht sie einen Abend  ins Altersheim und liest dort den alten Menschen etwas vor und singt Weihnachtslieder. 

Das ist ihr Leben. 

Manchmal (wenn sie mir nicht gerade Leid tut) beneide ich sie. 

Wenn man seine Texte in Hass-Foren entdeckt.

Es ist Nacht und in dieser Nacht, so wie in vielen anderen auch, scheint es mir nicht vergönnt zu sein Schlaf zu bekommen.  Also treibe ich mich hier und da im Netz rum, lese dies und das und als ich auf meine Blog Statistiken komme, in denen unter anderem auch immer angezeigt wird von welcher Verlinkung die Personen auf meinen Blog kommen fällt mir eins auf. Ich klicke drauf. 

Ich lande auf einem Forum(von dem ich noch nicht ganz verstanden habe zu wem oder was es gehört) das „leicht islamkritisch“ angehaucht zu sein scheint. Und schnell erkenne ich, wieso mein Blog dort verlinkt wurde – um einige Artikel von mir auseinander zu nehmen. 

Die Personen in dem Forum machen sich „Sorgen“. Sie machen sich Sorgen um Deutschland, ihre Kinder, die Freiheit, die Religionszugehörigkeit und vor allem machen sie sich Sorgen wegen dem neuen „Kopftuchurteil“ über das ich geschrieben hatte. 

Ich bin erschrocken, geschockt, ja, ich bin entsetzt was alles geschrieben wird! Und meine Texte, mit denen ich versuche meinen Mitmenschen einen Einblick in die (Gefühls-)Welt einer Muslima zu verschaffen, mit denen ich versuche klar zu stellen, dass ich frei bin und mein Kopftuch liebe-  ja meine Texte – mitten in dieser Brut von Hass. 

Einer schreibt: „Ich kenne Muslimas und alle die das Kopftuch abgelegt haben, haben es getan um freier zu sein. Die schwachen tragen es immer noch.“ 

Die Schwachen tragen es noch? Jeden Morgen seit 13 Jahren stehe ich auf und setzte mir das Stück Tuch auf den Kopf, für das ich mich aus freien Stücken entschieden habe. Seit der Minute in der ich begonnen habe es zu tragen werde ich beleidigt, beschimpft,  werde zu Sozial Arbeitern zitiert, ich werde nieder gemacht ich werde schräg angeschaut. Mein Kopftuch macht mich wohl zu eines der stärksten und durchhaltefähigsten Frauen überhaupt! Mit den ganzen anderen musl. Frauen, die eines tragen. Wenn man jeden Tag damit rechnen muss etwas Negatives zu erfahren, wegen einer Sache zu der man sich freiwillig entschieden hat – wie kann man solch‘ eine Person dann als schwach und eine andere als stark betiteln? Es ist wahre Stärke sich Tag für Tag damit auseinander zu setzten als davor wegzulaufen! 

Weiter schreibt eine: „ich frage mich, wie frei kann eine Frau sein, der von Kindheit an möglicherweise beigebracht wurde, dass sie ein Kopftuch tragen muss. Ein Kind möchte seinen Eltern gefallen. Es hat doch oftmals gar nicht die Wahl gehabt frei zu entscheiden.“

Ich erinnere mich wie ich 8 Jahre alt war und unbedingt das Kopftuch aufsetzten wollte – was ich dann auch getan habe. Als mein Vater mich am Abend dann mit dem Tuch sah rief er mich zu sich. Er sagte mir: „Weißt du wieso eine Frau im Islam das Tuch tragen soll und sich islamgerecht kleiden soll? Kannst du mir sagen, wieso du dieses Tuch trägst – theologisch und menschlich begründet?“ Ich verneinte. Ich was 8 Jahre. Ich wollte es einfach nur tragen! Auf meine Verneinung hin sagte er: „Dann bitte ich dich es abzusetzen. Du kannst es tragen wenn du das verinnerlicht hast was dich dazu bringt das Tuch zu tragen.“ Ich denke, eine weitere Antwort auf solch‘ einen unüberlegten Kommentar brauche ich nicht mehr zu geben. Mit 10 Jahren habe ich dann das Kopftuch aufgesetzt. Geheim vor meinen Eltern, als sie verreisen mussten und ich bei meiner Familie blieb. Ich wollte meinen Eltern nicht gefallen – ich wollte das tun, was ich für richtig halte. Wie man sieht wurden wir dazu erzogen zu verstehen was wir tun und dann zu handeln und nicht, blind zu folgen! Niemand würde meine Eltern dafür rügen, mir damals nicht meinen Willen gelassen zu haben. Aber jeder nimmt sich das Recht heraus, meine Eltern  dafür zu verurteilen, dass ich ein Kopftuch trage? Wie paradox! 

Aber das war noch nicht alles – weiter schreibt einer zum Urteil: „Vor dem Hintergrund des Urteils des BVerfG wird es Generationen
von jungen Mädchen und Frauen mit muslimischen Wurzeln in der
Zukunft noch schwerer fallen sich aus dem Klammergriff von
religiösem Dogma und archaischer Tradition zu lösen um ein
selbstbestimmtes und unbeschwertes Leben in Freiheit führen zu
können. Das Urteil stützt die Partikularinteressen der Islamverbände
und behindert die Möglichkeiten zwischenmenschlicher Begegnung,
vielleicht auch Liebe von „Hans“ und „Ayshe“. So kann Integration
nicht gelingen, ein Urteil mit unabsehbaren Folgen und ein eklatanter
Widerspruch zu moderner Frauenpolitik und Gender Studies.“

Ein selbstbestimmtes und unbeschwertes  Leben können muslimische Menschen nur dann führen, wenn die Gesellschaft sie als Solche akzeptiert und ihnen nicht die Wege versperrt. Das Urteil von März 2015 war ein wichtiger Schritt dahin. Muslimische Frauen sind so frei und so reflektiert (auch durch das, was sie erleben), dass sie sehr wohl in der Lage sind, sich von „Klammergriffen“ zu „befreien“ wenn sie es denn möchten. Das Urteil bietet gebildeten muslimschen Frauen nur eine Möglichkeit frei ihrer Arbeit nachzugehen!

Seit Tagen geht mir ein Kommentar einer Kommilitonen durch den Kopf und ich schaffte es einfach nicht darüber zu schreiben. Sie sagte: „Mein Mitbewohner hat mich gefragt, wie du so reflektiert, frei und so ein denkender Mensch sein kannst obwohl du Muslima bist und dich so einschränken lässt, wie z.B. mit dem Kopftuch.“

Ich bin ein freier, denkender und reflektierter Mensch, eben WEIL ich Muslima bin. Wenn seit der Kindheit immer alle Blicke auf einen gerichtet sind, man jede Handlung doppelt abwägen muss, weil es immer auf die Religionszugehörigkeit oder die Herkunft der Eltern geschoben wird, fängt man sehr früh an zu reflektieren. Dann sucht man Vorbilder die es auch geschafft haben, so großem Druck und oft auch Diskriminierung standzuhalten. Ich bin damals auf die weiblichen Sahaba (Gefährtinnen des Propheten saw. in seiner Angelegenheit) gestoßen, die mir Mut machten, mich zur Bildung und Aktivität inspirierten. Primär hat mich der Koran das selbstbestimmte Leben gelehrt in dem er sagt: „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ (2:256) Weiter haben mich die Sahaba das kritische Denken und das Hinterfragen gelehrt. Sie haben sich nicht gescheut bei Unklarheiten den Propheten saw. zu fragen. 

Ich nehme an, es macht einen Unterschied ob man als Kind/Jugendlicher starke, mutige und bedeutsame Personen als Vorbilder hat oder Teenie-Stars die einem nicht viel geben können.

Ich finde muslimische Frauen sollten sich nicht rechtfertigen müssen, wieso sie ein Tuch tragen, sich für eine Religion entscheiden oder ähnliches. Niemand (!), kein Mensch der Welt sollte sich für eine Identität rechtfertigen müssen, für die er sich frei gewählt hat. Und niemand sollte sich das Recht nehmen zu denken, er kenne einen Menschen oder eine Gruppe von Menschen besser als sie sich selbst. 

Danke, ich muss nicht befreit werden. Meine Seele ist bunt, mein Herz ist hell und mein Kopf ist klar! Ich empfehle  diesen Menschen, ihre Seele mit einer anderen Farbe zu bemalen als mit einer, ihr Herz für andere zu öffnen und ihren Kopf von Schrott frei zu schaufeln! 

Vom Lästern & rohem Fleisch.

Jeder kennt es: man hört, dass was über einen geredet wird. Man weiß, dass es absolut nicht der Wahrheit entspricht, und wenn doch, dann ist es einem unangenehm.
Jeder kennt es, es macht Spaß hier und da mal über jemanden zu reden den man nicht besonders mag. Das tut gut. Man findet Bestätigung bei anderen.
Jeder kennt es, dann wird dir erzählt, was deine nächsten über dich so reden. Welch Lügen sie verbreiten. Und du immer geschwiegen hast um ihre Fehler zu verdecken und dir nur denkst – warum?

Die Frage stelle ich mir heute mehr als an anderen Tagen. Wieso reden Menschen über andere Menschen. Wieso ist das Lästern, das Vorwerfen (auf trk. Iftira) einer schlechten Sache die eigentlich nicht stimmt so in den Menschen verankert. Und mir fällt mit der Zeit auf, dass es falsch ist diese Angewohnheiten nur auf bestimmte Menschen zu schieben. Jeder tut es. Frau. Mann. Gläubig. Weniger gläubig.

Doch schockt es mir immer wieder mehr, wenn ich gläubige Menschen dabei erwische und noch mehr mich selbst.

Sagt Allah taala im Koran nicht etwa:

„O ihr, die ihr glaubt! Vermeidet häufigen Argwohn; denn mancher Argwohn ist Sünde. Und spioniert nicht und führt keine üble Nachrede übereinander. Würde wohl einer von euch gerne das Fleisch seines toten Bruders essen? Sicher würdet ihr es verabscheuen. So fürchtet Allah. Wahrlich, Allah ist Gnädig, Barmherzig.“ (49:12)

Er spricht davon, dass Argwohn Sünde sein kann! Und er sagt klar und deutlich, dass sich die Menschen nicht gegenseitig spionieren sollen und nicht üble Nachrede übereinander führen sollen. Er vergleicht die üble Nachrede mit dem Essen vom Fleisch seines toten Bruders. Ist das nicht eine widerliche Vorstellung? Wenn wir uns bildlich vorstellen, wie wir vom toten Fleisch unseres Bruders, unserer Schwester essen ? Wem kommt es da nicht hoch?

Muhammad Rassoul schreibt  in seinem Tafsir unter anderem dazu:

„Argwohn, Spionieren und üble Nachrede gehören zusammen als Faktor, der unvermeidlich die Brüderlichkeit unter den Gläubigen zerstört und das friedliche Zusammenleben unter ihnen beeinträchtigt.“ (M0hammed Ibn Ahmad Ibn Rassoul 2008) {Hervorhebungen durch mich}

Hieraus kann man eindeutig die Folgen solcher Dinge raus lesen.

Auf die Frage was denn üble Nachrede ist, gibt es eine Überlieferung:

Der Gesandte Allahs (saw*) erklärte Folgendes: ,,Wisst ihr was üble Nachrede ist? Wenn jemand über einen seiner Glaubensgeschwister etwas sagt, das ihm nicht gefallen würde.” (Abu Dawud)

So sollte man bei jedem Wort welches man über einen anderen Menschen sagt abwägen was die Person darüber denken würde, dass man es sagt. Also ist üble Nachrede alles, was man von sich selbst nicht sagen würde und auch nicht möchte, dass es über einen selbst gesagt wird.

Ich frage mich weiterhin – wieso? Wieso reden Menschen soviel über andere Menschen?
Ist es das, dass man sich durch das Schlecht- Reden einiger Personen selbst abheben möchte? Den Rang in der Gesellschaft, in der eigenen kleinen Community erhöhen möchte? Ist es der Neid, von dem der Prophet saw. sinngemäß sagte, dass der Neid den Menschen zerfrisst, sowie das Feuer das Holz zerfrisst? Ist es der Wunsch, die eigenen Fehler nicht begangen zu haben, von diesen abzulenken in dem man auf andere Menschen lenkt?
Wieso lästern Menschen wenn sie wissen, dass es anderen Menschen weh tun wird? Wieso möchten die Menschen, dass man über einen anderen schlecht denkt?

Die Zunge ist solch eine gefährliche Sache.

Abu Huraira (r) überliefert, dass man den Gesandten Allahs (saw) fragte:
”Welche Taten führen den Menschen meistens ins Paradies?”
Er (saw) antwortete: ”Gottesfurcht und gutes Benehmen.”
Man fragte ihn (saw) weiter:
”Und welche Taten führen den Menschen meistens in das Höllenfeuer?”
Daraufhin antwortete er (saw):
”Die mit dem Mund und den Geschlechtsteilen begangenen.”
(At-Tirmidhi)

Die Taten also, die mit dem Mund begangen werden können den Menschen in ewiges Seelenleiden bringen. Ist das nicht erschreckend? Ist das nicht erschreckend in Anbetracht dessen, dass jeder Muslim und jede Muslima mindestens ein Mal den oben aufgeführten Vers gehört hat? Als kleines Kind hatte ich ihn zum ersten Mal von meinen Eltern ans Herz gelegt bekommen. Und ich glaube, ich war nicht das einzige Kind.
„Würde wohl einer von euch gerne das Fleisch seines toten Bruders essen?“ Welch’ eine grausame Vorstellung. Welch’ ein einprägender Vergleich.

Auch in der Bibel ist das sinnlose Reden aufgeführt. Und ebenso wie im Koran wird davon abgeraten.

„Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.“ (Bibel: Epheser. 4,29)

„Faules Geschwätz.“ – das trifft es!

Ich wünsche mir, dass wir nicht nur den Glauben (egal welchen) leben um als Gläubige wahrgenommen zu werden, sondern um Gottes Willen. Ich wünsche mir, dass diese Verse und Aussagen sich in die Herzen, die Seelen und die Geister der Menschen tief tief verankern. Und als erstes in meine. Ich wünsche mir, dass die Menschen von ihrem Neid los lassen lernen. Das zerstört nur einen im Inneren selbst und tut anderen auch nicht besonders gut. Ich wünsche mir so sehr, dass wir den Menschen  das wünschen können, was wir uns selbst wünschen. Denn sonst sind wir keine Gläubigen, wie der Prophet saw. es einmal sagte.

(*saw. = Abkürzung für sallalahu aleyhi wasallam – Möge Allahs Segen und Frieden auf Ihm sein.
Beitragsbildquelle: Hamburger Abendblatt)

Kinder. Karriere. Kinder & Karriere.

Bevor ich das richtige Studium für mich entdeckt hatte bin ich einen kleinen fehlerhaften Weg gegangen. Ich habe für 2 Semester International Business studiert. Das Studium lief nicht besonders gut. Das lag unter anderem daran, dass ich das Fach nicht studieren wollte aber Sätze wie: „Wenn du schon studierst dann mach auch was gscheits!“ mich leiteten, oder auch, dass weder der Ort an dem ich studierte noch die Menschen mit denen ich studierte mich erfüllten. Ich habe also nichts für mein Studium getan weil ich das Studium hasste. Weil ich es nicht wollte. Beim Gespräch mit einem hochschulinternen Studienberater fiel die Frage was ich bildungstechnisch überhaupt erreichen möchte. Meine Antwort war, dass ich gerne einen hohen akademischen Grad erlangen möchte in einem Bereich in dem ich aufgehen kann und damit der Gesellschaft gutes tun kann. Er riet mir, den Titel den ich haben möchte auf ein Plakat zu schreiben und es mir in der Wohnung zu hängen – irgendwo, wo ich es gut sehen kann.

So kommt es, dass ich jetzt ein Blatt an meiner Tür kleben habe mit einer Aufschrift, was ich in meinem akademischen Werdegang erreichen möchte.

Als ich einmal Besuch von einer Freundin hatte, die zuvor noch nie bei mir war, entdeckte sie das Plakat und fragte etwas verwundert: Das willst du erreichen? Du willst Karriere machen? Auf die Antwort „Ja!“ fragte sie, ob ich denn keine Kinder wollen würde. „Doch, klar will ich Kinder!“ antwortete ich ganz selbstverständlich.

Ich dachte noch lange über die Situation nach. Noch bis heute und mir stößt eine Grundproblematik auf, die auch in meinem Studium immer wieder diskutiert wird.

Wieso immer: entweder – oder? Was wollen Frauen? Was sollen Frauen dürfen – und was nicht? Und wer soll da eigentlich bestimmen dürfen?

Das Thema der Frau in Anbetracht von Beruf und Familie ist ein aktuelles Thema und etwas, woran gerade gesellschaftlich und auch politisch sehr stark gearbeitet wird. Was müssen Frauen eigentlich so alles sein?

Frauen stehen meist unter sehr großem Druck. Sie sind die, die Kinder zu Welt bringen (sollen), sie sind aber auch Arbeitskräfte die genutzt werden möchten.

In dem Moment als ich diese Frage gestellt bekommen habe, als würde das Eine das Andere ausschließen, fragte ich mich: wieso entweder – oder? Wieso sollte ich nicht beides haben können?

Frauen sind die Art von Gesellschaftsgruppe über die alles und jeder diskutiert. Ständig werden den Frauen neue gesellschaftliche Richtlinien eingetrichtert (die sicher nur gut gemeint sind) was die Frauen wollen sollen, was sie erreichen wollen und wo sie sich später sehen sollen. Dies nennt man dann freundlich Emanzipation oder Feminismus um dem ganzen einen Namen zu geben und es als reine positive Entwicklung zu sehen. Man geht nämlich ständig davon aus, dass das, was man gerade selbst für am Besten hält und was man sich selbst wünscht sicherlich alle anderen sich auch wünschen und es sicher das Beste für alle ist.

Wie dem auch sei – es gibt Frauen, deren primäres Ziel im Leben die Karriere ist. Sie finden Erfüllung beim Studieren, Lehren und Arbeiten. Es liegt ihnen und sie sind gut darin und glücklich damit.

Dann gibt es Frauen, die Erfüllung darin finden primär Ehefrau und Mutter zu sein. Diese Frauen sind mittlerweile in der Gesellschaft nicht mehr sehr „angesehen“. Man schämt sich etwas dafür, dass man „nur Hausfrau“ ist und vergisst dabei selbst manchmal, dass das ein 24/7 Job ist. Mit den ganzen Debatten über die Gleichstellung der Frau mit dem Mann und evtl. umgekehrt hat man vielen Frauen eine Stimme verliehen. Man hat gezeigt, dass Frauen mehr können. Mehr sind. Frauen sind mehr und individueller als das, was die Gesellschaft sagt, was sie seien. Doch hat man dabei eine Gruppe von Frauen übersehen die ich nicht unerwähnt lassen möchte. Eine Gruppe, die auch vorhanden ist, und der das Recht auf ihre Entscheidung nicht verweigert werden darf. Die Frauen, die ihre Erfüllung darin finden, primär Mutter und Ehefrau zu sein.

Doch dann gibt es Frauen die eben beides wollen – und das zu Recht! So wie sich kein Mann zwischen Familie und Beruf entscheiden muss, (primär deshalb, weil der Mann nicht das Kind auf die Welt bringt und stillen muss etc.) so sollte der Frau auch die Freiheit gegeben sein, beides tun zu können, wenn sie das wünscht. Wieso muss eine Frau ihre Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte für andere Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte aufgeben oder sie hinten dran stellen? Wieso kann sie nicht für sich selbst entscheiden, was das Beste für sie, ihre Familie und ihre Kinder ist?

Ich könnte noch ewig über dieses Thema schreiben, doch soll meine Message eine bestimmte sein:

Was wollen Frauen eigentlich?

Frauen wollen unterschiedliche Dinge. Ganz unterschiedliche Dinge die alle berechtigt sind. Frauen wollen Dinge, die akzeptiert werden müssen.

So sollte sich keine Frau als Rabenmutter fühlen müssen, wenn sie ihr Kind früh in die Kita gibt, um weiterhin Karriere machen zu können, und ihre beiden Sehnsüchte zu erfüllen, noch sollte sich eine Frau „schämen“ müssen, weil sie nicht studiert hat, sondern Mutter war und ist.

Frauen sollten selbst entscheiden dürfen, was sie wollen. Und sie sollten sich frei von gesellschaftlichen Ansichten und Anforderungen diese Wünsche erfüllen können.

„Was wollen Frauen eigentlich“ mit der Antwort „–DAS! wollen Frauen“ zu beantworten, wäre eine grobe und ungerechte Pauschalisierung, von denen wir zur Genüge haben.

Frauen sind wunderbar unterschiedliche Wesen, wie ihre Gegenstücke es ebenso sind.

Es wäre eine Entwürdigung ihrer Besonderheit, sie auf einige wenige Rollenbilder zu beschränken und sie in eine Ecke zu drängen, wenn sie in mehreren Ecken gleichzeitig leben könnten.