Es tut mir leid, syrischer Junge, dessen Namen ich nicht kenne.

Ein junger Mann in Wien, ein geflüchteter junger Mann in Wien spring am hellen Tage vor eine Straßenbahn und schreit dabei. Er legt sich vor die Bahn, die Bahn stoppt, er regt sich darüber auf, schlägt mit voller Wucht gegen die Bahn und schreit: „Komm, komm, komm!“

Als er merkt, der Bahnfahrer wird nicht zum Töten kommen, wie viele andere aus seiner Heimat, laut Medienberichten Syrien, versucht er es auf andere Art und Weise. Er springt vor ein fahrendes Auto. Jemand reißt ihn runter. Er springt wieder auf die Bahn und versucht sich Stromschläge durch die Leitungen verpassen zu lassen, es klappt nicht. Er rennt durch die Gegend und schreit: „Syria! Falastin! Russia nix gut! Ah Syria!“ und viele andere Dinge die ich nicht verstehen konnte. Dieses Bild, am hellen Tag mitten in Wien, wird frecher und meiner Meinung nach unmenschlicher Weise von einer Bürgerin mit türkischem „Migrationshintergrund“ aufgenommen. Hinten dran hört man Menschen türkisch sprechen: „Deli bu yaa!“ „Adam maymun cikti!“

(Die Erhöhung unserer Gastarbeitergeneration + 2. – 4. Generation seiner selbst durch das Leid der geflüchteten Menschen und Sprüche wie: „Wir waren nicht so!“, kotzen mich sowieso an!)

Ich möchte wiederholen: Ein junger geflüchteter Mann aus Syrien verliert die Kontrolle über sich. Er springt am hellen Tage mitten in der Stadt vor eine Bahn, vor ein Auto, wieder auf die Bahn, versucht durch die Leitungen Stromschläge zu bekommen, bis die Polizei anrückt und ihm festnimmt.

Meine Damen und Herren: Am hellen Tage, mitten in Wien, hat sich versucht ein junger Mann, der vielleicht mal Träume hatte, Hoffnungen, vielleicht war er verliebt, vielleicht ging er zur Schule, in die Uni hat eine Ausbildung gemacht – dieser junge Mann wollte sich umbringen. Vor allen Menschen in der Stadt. Und er schrie dabei! Er schrie! Damit wir uns an diesem Video nicht amüsieren und sagen: „Boah krass, voll der kranke Typ“!, sondern endlich mal die vielen Hilfeschreie hören, die wir so gerne bis heute ignoriert haben!

Wir sehen die Bilder, verblödete Politiker nutzen dieses Herz zerreißende Bild um Stimmung zu machen. Die Kommentare auf fb zeugen von Hass unserer Mitmenschen. „Die Bahn hätte einfach weiter fahren sollen“, schreibt z.B. einer. Einige lachen, einige schütteln den Kopf, und einige Weinen, weil sie die Tragik dahinter erkennen.

Was sagt das über unsere Welt aus? Was sagt das über die zig Kriege aus die UNSERE westliche Welt führt und führen muss um sich seiner Macht und Erhabenheit auf zu geilen? Was sagt das über uns aus, dass eine Frau das einfach filmt, statt zu ihm zu gehen, und in die Arme zu nehmen, mit ihm um Syrien, um Palästina und all die anderen Länder zu weinen, und wie es scheint, um seine Eltern und Geschwister zu weinen, die laut Berichten auf fb ums Leben gekommen sind – in Syrien, wie es mir zumute war.

Es tut mir leid, geflüchteter Syrer, dessen Namen ich nicht kenne. Es tut mir Leid, dass wir dir das antun. Es tut mir leid, dass unsere Bequemlichkeit es nicht zulässt auf die Barrikaden zu gehen und zu schreien: „Stop! Dass was ihr macht führt dazu, dass sie nicht nur mehr im Krieg durch eure Bomben, sondern auch in unseren Straßen durch unsere Ignoranz sterben (möchten!). Hört auf! In Gottes oder wessen Namen auch immer – bitte! Diesem Mann könnt ihr seine Eltern und Geschwister nicht mehr geben, aber gebt ihm Liebe und zeigt Verständnis und gebt ihm und Millionen anderen endlich seine Heimat zurück!“

Bitte, es ist unerträglich!

 

Wahrscheinlich wird auch dieses Bild schnell in Vergessenheit geraten, so dass das keine Rolle mehr spielt, und wir uns nur noch mehr an die Situation gewöhnen, bis wieder ein kleiner junge tot am Strand liegt, ein anderer Junge traumatisiert im Krankenwagen sitzt, oder der nächste vor die Bahn springt. Bis wir den nächsten Schock erleiden, und dann drüber hinweg kommen. Denn meine Heizung funktioniert, mein Essen steht bereit, meine Eltern und Geschwister leben – denn mir geht es gut.

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