Mein Hoca hat gesagt.

Es ist eine gemütliche Runde. Ich bin zum ersten Mal hier. Mein Vater ist dabei.
Eine muslimische Runde.

Ich esse, trinke Kaffee und lausche den Gesprächen der Frauen an meinem Tisch, wobei ich mir insgeheim wünsche am Tisch meines Vaters zu sitzen, da es dort sicher viel spannendere Themen gibt, und es eher eine Art respektvoller Fight ist, als das Monotobie der Frauenrunde.

Dann höre ich den Satz: „Mein Hoca hat gesagt…’ und bin wieder mit der Aufmerksamkeit voll bei meinem Tisch. Zwischenzeitlich wurde auf den Satz geantwortet und dann noch mal, aber mit Nachdruck wiederholt: ‘Aber das hat der Hoca gesagt, das hat er gesagt, das muss man können!’
Dabei ist ihre Miene ernst und erinnere mich daran wie meine Oma aussieht, wenn sie mich ermahnt – mit einer ernsten Miene und passenden, ernstem Nicken.

Und plötzlich bin ich wieder in der Vergangenheit. In der Türkei wo ich noch vor paar Wochen erst war.

Eines Abends saßen wir dort mit der Familie zusammen. Alle waren versammelt und waren in Aufruhr. Alle redeten durcheinander und versuchten sich gegenseitig von ihrer Meinung zu überzeugen. Mit ernster Miene und Nicken.

Es ging um das Erbrecht der Frau. Nicht wie hoch ihr Recht ist, oder wie das geregelt wird, sondern eher, ob sie überhaupt eines hat.

Da fiel dieser Satz auch: ‘Mein Hoca hat gesagt,…’

Und mir fiel plötzlich auf wie oft ich diesen Satz höre. ‘Mein Hoca/Imam/Sheikh hat gesagt’. Und daran ist weder zu zweifeln noch zu rütteln – denn es war der Hoca, der das gesagt hat. Weil Hocas nämlich die Weisheit mit dem Löffel gefressen haben (vor allem die, die sagen, dass die Frau das Erbe nicht nötig habe, da das in der türkisch – kurdischen Kultur nicht üblich sei). Man könne ihr aber, wenn man möchte vielleicht etwas Gold schenken,damit sie zufrieden ist)

An diesem Abend in der Türkei (und an vielen, vielen anderen Abenden, Tagen, Nächten auch) habe ich mich eingemischt. Als Frau. Als junge, unverheiratete, deutsche Frau.

Ich habe ihnen gesagt: „“Wisst ihr, es gibt eine Sure (An Nisa) im Koran, in der genau diese Sache beschrieben und erläutert wird. Und wenn ihr einen türkischen Koran nehmt und einen Tafsir (Erläuterung des Korans), dann könntet ihr die Antwort auf eure Frage finden, ohne zu einem Hoca zu gehen der euch scheinbar das Falsche in dieser Sache gelehrt hat, denn die Frau hat ein Recht auf Erbe.’

Eines anderen Abends hatte ich das Beispiel der Ansar und der Mekkaner angebracht, als Vergleich für die Türken – Syrer – Situation in der Türkei.

Und eines anderen Abends den Hadith, dass Aisha (r.a.) Berichtete, dass der Prophet Muhammed (s.a.s) manchmal so sehr weinte, als er vor Allah niederkniete, dass Tränen von seinem Bart getropft sind, weil er so durchnässt war.
Ich erzählte dies, weil sie meinten, dass ein Mann nicht weint und wenn doch, dass er schwach sei.

Die Reaktionen auf die drei Beispiele und auf alle anderen Situationen die ich in zwei Monaten erlebte war dieselbe:
Wir sind Menschen, Eşim, hieß es. Ganz normale. Und wir sollten uns nicht anmaßen auch nur zu denken, dass wir den Koran verstehen könnten, wie die Propheten oder die Sahaba, Geschweige denn denken, wir könnten uns sie zum Vorbild nehmen, denn das würde sie erniedrigen.
Ich solle vorsichtig sein.
Denn ich bin kein Hoca und der Hoca hat gesagt…

Die Erklärung für diese Worte (und für so viel anders dort) spiegelt sich auch in der der Tatsache wieder, dass ich den Koran in dem Haus auf einem hohen Regal fand, verstaubt und wahrscheinlich „vergessen“.

Wenn ich daran denke, was sie sagen würden, wenn sie meinen gefunden hätten , mal im Koffer, mal in der Tasche, mal auf dem Nachttisch, nicht viel höher als ein Sofa, zerknittert, beklebt mit PostIt und markiert wie ein Studienbuch. …

“Mein Hoca“ hat gesagt’, ist zwar ein einfacher Satz und es ist richtig, eine Fachperson in Angelegenheiten zu befragen, die unser Wissen überschreiten, um uns abzusichern, aber mein Hoca hat gesagt macht es uns auch zu einfach.

‘Mein Hoca hat gesagt’ kann dazu führen, dass die Menschen vergessen, dass der Koran für sie herab gesandt worden ist. Für jeden einzelnen Menschen auf der Welt.
‘Liest du den Koran so, als ob Allah ihn für dich persönlich geschrieben hat?’, fragte mich ein älterer Bruder während seines Vortrages. Ich war 13. Nein, damals habe ich ihn nicht so gelesen.
Denn der Hoca oder auch mein Vater wussten alles, was ich damals wissen wollte. Deshalb musste ich ihn auch nicht so lesen – dachte ich.

‘Mein Hoca hat gesagt’ gibt die gefährliche Freiheit das Hirn auszuschalten, Schafe zu sein die einem anderen Schaf hinterher laufen, statt nach dem Hirten zu suchen.

‘Mein Hoca hat gesagt’ führt dazu, dass wir Allah vielleicht nie näher kommen können als beim Freitagsgebet, weil wir nicht begriffen haben, weil ich nicht begriffen habe, dass es Allah um mich geht, wenn ich den Koran lese und Er sagt: ‘Haben wir denn nicht deine Brust geweitet und dir deine Last abgenommen?‘ (aus Sure 94)

‘Mein Hoca hat gesagt’ kann ein Weg zu Allah sein, aber auch ein Weg von Ihm weg.

Deshalb ist der Mut und die Erkenntnis den Koran zu nehmen, selbstbewusst das Hirn einzuschalten und den Koran so zu lesen, als sei er für dich, mich, uns persönlich geschrieben worden sein gefragt.

4 Gedanken zu „Mein Hoca hat gesagt.“

      1. In meinen Kopf hat sich so ein Bild von einer türkischen Mutter eingebrannt, deren 16-jähriger „in den Kampf“ nach Syrien ging. Sie nahm seine Veränderung wahr und versuchte verzweifelt mit ihm zu reden. Aber ihr fehlten die Argumente, sie konnte auf das „Wissen“, das ihr Sohn aus den Treffen mit seinen neuen Freunden mitbrachte, nicht antworten. Sie versuchte es, aber in einem Interview merkt man, wie sie daran verzweifelt, dass es ihr nicht gelang. Ich bilde mir ein, dass jemand der den Islam mit vollem Bewusstsein und mit Wissen praktiziert, so einem andere Argumente entgegen setzen hätte können. Ob ihn das aufgehalten hätte, weiß ich nicht. Der Junge ist in Syrien getötet wurden. In dem Bericht (ARD) hieß es, dass er zurück wollte.

        Entschuldige, liebe Esim, falls das jetzt etwas weit von deinem Thema abschweifte. Aber das geht mir bei dem Thema (Nicht-)Wissen ein.

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