Wieso eigentlich der ganze Stoff?

Viele fragen sich, wieso muslimische Frauen ein Kopftuch tragen. Ich habe auf meiner Facebook-Seite nach gefragt und den jungen Mädchen versucht eine Stimme zu verleihen! Viele erklären ihre Motivation zum Tragen des Kopftuchs, viele aber, darunter auch ich, verstehen nicht, wieso sie sich (noch immer) erklären müssen.
Meine Meinung, als eine die es seit 13 Jahren trägt: ich trage es eben. Wieso? Das sei mir selbst überlassen. Niemand fragt danach, wieso man eine Hose trägt oder eine Bluse. Das Kopftuch sollte endlich auch als ganz normales Kleidungsstück von einigen Mitbürgerinnen anerkannt werden. Die ständige Erwartung anderer, Erklärungen abzugeben über eine Sache, die normal ist und auch sein sollte baut keine Brücken sondern schafft eine Befremdlichkeit untereinander. Das schadet dem „Wir“ welches vorhanden sein sollte und wofür sich viele Muslime und Nicht-Muslime aktiv einsetzen.

Nach diesem kleinen Vorwort möchte ich euch die Antworten meiner LeserInnen präsentieren. Viel Spaß!

Shiwa, 20 Jahre – seit 2 Jahren Kopftuchträgerin:
„An aller erster Stelle: Es ist Pflicht und Allah hat es uns auferlegt. As easy as that! Alles andere sind, wie eine gute Freundin    mal gesagt hat, positive Nebeneffekte.“

Emine, 25 Jahre – seit ca. 6 Jahren.
„Why not?
Es ist so persönlich, so tief spirituell, dass die Frage danach befremdlich ist.Mit meinem Kopftuch nehme ich mir ein Recht, das vielen anderen Menschen in diesem Land auch zusteht :Unhinterfragt sie selbst sein zu dürfen . Das warum empfinde ich deshalb immer als die falsche Frage, die es für mich zu entmaskieren gilt.“

Ouassima, 21 Jahre
„Weil ich’s kann.“

Beyza, 23 Jahre – seit 9 Jahren
„Religiöse Pflicht (Punkt). Ansonsten erkläre ich niemanden was. Seit 9 Jahren bin ich ein laufendens aufklärungs/informationszentrum für den Islam – es reicht.“

Kübra, 16 Jahre – seit
„Ich trage ein Kopftuch weil ich mich dazu bereit fühle eine große Verantwortung zu tragen: Ich repräsentiere eine Weltreligion mit meinem Benehmen in der Öffentlichkeit. Zudem bin ich frei, weil ich mich nicht gezwungen fühle, mich irgendeinem Standart, den die Gesellschaft festgelegt hat und der mir nicht gefällt, anzupassen. Sobald ich aus dem Haus gehe fordere ich die Menschen dazu auf mich nach meiner Persönlichkeit zu bewerten und nicht nach meiner Weiblichkeit.“

Stefan, 32 Jahre zu diesem Thema
„Eine Gesellschaft, die sich um einen Quadratmeter Stoff zugrunde diskutiert, kann ich nicht Ernst nehmen…“

Naomi, 22 Jahre – mit 16 konvertiert, mit 18 Koptuch
„Religiöse Pflicht. Klares Zeichen gegen die Degradierung „der Frau“ als (Sex-) Objekt…(ich bestimme wer was sieht, meine Schönheit gehört mir und ist nicht für jede/n bestimmt).Mehr Respekt der einem entgegengebracht wird, weniger Beurteilung nach dem Äußeren (Figur etc), ich werde mehr nach meinem Charakter und Verhalten beurteilt. Ich bestimme wer mich wie sieht, wer das Privileg hat mich unbedeckt zu sehen. Es ist wie ein Signal, ich setze ein Zeichen und wahre einen wichtigen, intimen Teil meiner Privatsphäre. Es fällt leichter Grenzen bzw Distanzen zu ziehen..erkennbar als Muslima. (Nachdem ich konvertiert bin habe ich nicht sofort getragen und bin dadurch ab und an in Gespräche geraten, in denen anti – muslimische Sprüche etc fielen.. so überlegen sich die Leute das 2 Mal bzw. erkennen mich als praktizierende Muslima.“

Gül, 22 Jahre – seit ca. 13 Jahren
„Ich muss echt sagen ich bin es leid, erklären zu müssen warum, wieso und weshalb ☺
An erster Stelle kommt einfach: es ist ein vorgeschriebenes Gebot.
Wenn man glaubt und praktizieren möchte, dann folgt man dem.
(Noch einfacher geht es, wenn man damit aufwächst) Anschließend stellt man abgesehen von der religiösen Ebene fest, dass es die Persönlichkeit stützt und zum Charakter gehört. Die persönliche Motivation kann aber bekanntlich von Mensch zu Mensch variieren, führt dann im Alter zu dem Entschluss es zu tun oder eben nicht zu tun.“

Esma – schon sehr lange ☺
„Es liegt im Auge des Betrachters; manche sagen: ich bin schön, deshalb zeig ich mehr, andere sagen: ich bin schön, deshalb zeig ich weniger! Gehörr zu den Zweiten seit Jahrzehnten! Bleibt erstma auch so.“

Yasmin, 20 Jahre – seit ca. 10 Jahren
„Ich trage es aus freier Überzeugung. Das Kopftuch ist für mich ein religiöses Gebot, das ich befolgen möchte. Natürlich spielen auch rationale Gründe eine Rolle (Ich möchte mir die Freiheit nehmen und selbst entscheiden, wer mich wie sieht; ich möchte, dass man mich nicht aufgrund von Oberflächlichkeiten, sondern aufgrund meiner Persönlichkeit beurteilt), diese sind aber nur nebensächlich und ändern nichts an der Tatsache, dass ich es für meinen Schöpfer trage, der mir diese Pflicht auferlegt hat.
Mal abgesehen davon, dass ich mit Kopftuch eine Repräsentantin der Muslime bin und erst recht auf mein Verhalten gegenüber anderen achten muss „smile“-Emoticon
20 Jahre alt, trage es seit ca. 10 Jahren.“

Dudu – seit 25 Jahren
„Ich trag mein Tuch seit ca 25 Jahren und ebensolang fragen Menschen. Dabei geht das „warum“ niemanden was an. Niemand muss verstehen, warum ich wie lebe. Die Dame muss wohl damit leben, dass es sie nichts angeht.“

Nana, 22 Jahre – seit einem Jahr
„Ich habe mir damit einen jahrelangen Wunsch erfüllt, für den ich mich zuvor von der Gesellschaft „zu unterdrückt“ fühlte, um ihn bereits in frühen Jahren umzusetzen.
Ich nahm mir das Kopftuch als Repräsentation meiner Freiheit. Mein Körper, meine Entscheidung. Ich entscheide, wer welchen Teil an mir erblicken darf, wer was an mir kennenlernen darf. Es ist wie mit einem Austausch. Du kannst deinem Gegenüber alles von dir preisgeben und du kannst dich auch auf wenige Dinge beschränken, die du für angemessen hältst zu teilen. Eine Frage des Wohlbefindens. Sowohl mit dem Austausch auf verbaler Ebene, als auch mit meinem Körper bevorzuge ich letztere Variante. Es ist eine Art der Bescheidenheit im Umgang mit der Schönheit, die Gott einer Frau hat zuteil werden lassen. Ein Zeichen der Dankbarkeit.“

Und das Beste zum Schluss:
Hülya, 33 Jahre – seit 18 Jahren
„Trage es natürlich damit mir nicht so viele Männer hinterherlaufen, hat bis jetzt ziemlich gut geklappt 😉 “

Junge Muslime im Web 2.0

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Am 8. und 9. Mai 2015 durfte ich an der Tagung „Junge Muslime im Web 2.0“ in Stuttgart-Hohenheim teilnehmen. Die Tagung wurde organisiert von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der DITIB Jugend Baden-Württemberg, der IGMG Jugend und der Muslimischen Jugend in Deutschland e.V.. Zudem wurde sie seitens der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt.

„Man muss jung sein, um große Dinge zu tun.“ Johann Wolfgang von Goethe

Die Zusammensetzung der Organisatoren der Tagung war eine Besonderheit. Die Akademie, welche die Potentiale der jungen Muslime nicht nur sieht, sondern sie auch unterstützt und fördert, und drei große muslimische (Jugend-)Verbände planten und führten die Tagung gemeinsam durch.

Der Titel der Tagung war „Junge Muslime im Web 2.0“ und behandelte im Allgemeinen Fragen wie: Wie nutzen muslimische Jugendliche das Internet? Ist das Internet für muslimische Jugendliche eine ausschlaggebende Informationsquelle bei Glaubensfragen? Welche Gefahren verbirgt es und kann man diesen vorbeugen? Darüber hinaus aber auch, welche Möglichkeiten das Internet für muslimische Jugendliche bietet und wie man die Potentiale auf verschiedenen Plattformen im Internet nutzen und entfalten kann.

Zu Beginn fand eine Einführung in das Thema statt. Weiter ging es in drei verschiedenen Arbeitsgruppen, in welchen die Jugendlichen selbst Themen aufbereiteten und später im Plenum vorstellten. Dabei war es sehr interessant, dass in allen Arbeitsgruppen auf bestimmte Namen und Persönlichkeiten, die im Internet sehr präsent sind und eine etwas „radikale“ Sicht vertreten, ein Schwerpunkt gesetzt wurde.

Lange wurde darüber diskutiert, wieso „radikale“ Persönlichkeiten soviel Zulauf von Jugendlichen bekommen und wie man als Verband und auch als Individuum dagegen handeln kann. 

Am nächsten Tag ging es um Jihad-Propaganda im Internet, den Auftritt der muslimischen Verbände im Web und um muslimische BloggerInnen in Deutschland.

Das Letztere fand im Form eines Podiums statt, an dem ich mit Emran Feroz und Hakan Turan diskutieren durfte. Wir tauschten uns über sowohl positiven, als auch negativen Erfahrungen aus, sprachen über die Inhalte unserer Blogs und über unsere Motivation, diese zu schreiben und diskutierten über die Möglichkeiten, die BloggerInnen durch diese Plattforme haben. Auch Lob und Kritik der Leserschaft waren dabei wichtige Punkte des Gesprächs.

Die Tagung wurde später vom Tagungsleiter Dr. Hussein Hamdan zusammengefasst und verabschiedet.

Zu erkennen und allgegenwärtig waren bestimmte Personen und Gruppierungen, welche im Internet sehr präsent sind und für Jugendliche attraktiv erscheinen, aber leider eine „radikale“, zum Teil sogar „gefährliche“ Meinung repräsentieren.

Ein gemeinsamer Konsens war, dass das Internet eines der primären Informationsquellen für Jugendliche geworden ist, und dies dementsprechend wahrgenommen und genutzt werden muss. Gerade im Anbetracht der Tatsache, dass sich nicht unbedingt die „richtigen“, sondern mehrheitlich die „falschen“ Menschen eine Stimme durch das Internet verschaffen.
Es muss den Jugendlichen zur Erkenntnis gebracht werden, dass das Internet eine Plattform ist, die ihnen die Möglichkeit gibt ihre eigene Meinung, unabhängig der von anderen, kundzutun und sich so auf einer breitflächigen Basis auszutauschen. Eine Kommunikation auf Augenhöhe, von Jugendlichen für Jugendlichen, halte ich dabei als eine große und vor allem eine besondere Chance, welche den Generationen vor uns enthalten blieb.

Ein Beispiel, wie eine solche Kommunikation aussehen kann, waren die jungen Freunde der Plattform „TRIIIALOG“, die an der Tagung teilgenommen haben. Diese haben diese Chance nicht nur erkannt, sondern auch ergriffen und nutzen diese aktiv. Dies sollte ein Vorbild für andere talentierte und vor allem engagierte Jugendliche sein, sich ihrer eigenen Stimme zu ermächtigen und für sich selbst zu sprechen. So kann die Vormachtstellung der „falschen Personen“ im Internet bekämpft, und eine Alternative zu ihrer „radikalen“ Meinung geboten werden.

Ich danke den Organisatoren, der Muslimische Jugend in Deutschland e.V., der DITIB Jugend und der IGMG Jugend für die tolle und bereichernde Tagung.

Besonderen Dank gilt der Akademie des Diözese Rottenburg-Stuttgart für ihre Motivation, ihren Mut und ihr Vertrauen in die Jugendlichen und die Verbände und auch der Robert-Bosch-Stiftung für ihre Unterstützung.

Ich freue mich auf weitere Tagungen, in denen die Jugendlichen selbst bestimmen können, worüber sie mit wem reden möchten!

Foto: TRIIIALOG